Donnerstag, 17. Mai 2018

Was mir in der Beziehung gut tut


Wir Menschen – wir strukturieren uns ja die Welt, indem wir Vereinfachungen benutzen und uns bestimmte Vorstellungen davon bilden, was wir hören.
Wenn ich sage, dass ich in einer Beziehung bin, stellen sich viele Menschen wahrscheinlich eine ebenbürtige, liebevolle, unterstützende Beziehung vor, mit Dingen, die für diese Person zu einer Beziehung dazu gehören.
Wenn ich sage, dass ich in einer Beziehung mit jemandem mit psychischen Erkrankungen bin – noch dazu, mit jemandem mit Borderline! -, dann haben Menschen scheinbar oft ganz andere Vorstellungen von dieser Beziehung.

Und ja, klar gibt es bestimmte Eigenheiten unserer Beziehung, die zum Teil durch die Erkrankungen bedingt sind. Klar stimmen manche dieser Vorstellungen.
Aber manchmal kommt es mir so vor, als ob Menschen all diese anderen Vorstellungen, die sie eigentlich zu einer Beziehung haben, außen vorlassen, sobald sie das Wort Borderline hören.

Deshalb blogge ich heute einfach mal darüber, wie Karo mir in unserer Beziehung gut tut.
Denn, Schocker! : Ich tu Karo gut, aber sie tut auch mir gut! Ich bin in der Beziehung, weil ich selbst davon etwas habe! Wer hätte das gedacht!

  • Karo akzeptiert meine überemotionalen Heulanfälle. Ich weine viel und oft; so bin ich einfach. Gerade wenn noch Hormone im Spiel sind, steckt da oft nicht besonders viel dahinter. Aber egal wie ernst oder oberflächlich es ist: Karo nimmt mich immer ernst und zeigt mir, dass meine Gefühle wichtig sind. Auch, wenn es nur PMS ist.
  • Karo kennt die Dinge die mir Sorgen machen und macht sie mir leichter. Zum Beispiel habe ich vor allem früher oft große Angst gehabt, wenn Karo sich längere Zeit nicht gemeldet hat. Besonders in der Zeit, wo sie sehr starke Suizidgedanken hatte, war das sehr schlimm für mich. Auch wenn das jetzt nicht mehr so tragisch für mich ist, „warnt“ sie mich häufig vor, wenn sie mehrere Stunden nicht erreichbar sein wird. Das schätze ich total.
  • Sie ist ehrlich und sanft, wenn sie mir sagt, dass ich überreagiere. Ich habe sehr ausgeprägtes PMS und katastrophisiere in dieser Woche ziemlich stark. Karo hat angefangen, mir das nicht nur zu bestätigen wenn ich es selbst merke, sondern mir auch von sich aus zu sagen – aber auf eine Art, die respektvoll und liebevoll ist. Das hilft mir sehr dabei, mich selbst einzuschätzen.
  • Sie sagt mir, dass sie mich hübsch findet, auch wenn ich mich selbst nicht hübsch finde.
  • Sie kommuniziert offen ihre Bedürfnisse in Konflikten. Wenn wir streiten, kann es vorkommen, dass Karo die Auseinandersetzung zu viel wird und sie gar nicht mehr mit mir reden kann – oder, dass sie kurz davor steht, mich sehr unfair zu behandeln oder zu beleidigen. Anstatt eins der beiden zu machen, warnt sie mich immer rechtzeitig vor und gibt uns somit beiden die Möglichkeit, ein bisschen Abstand zu nehmen und weiter zu reden, wenn wir wieder bereit dazu sind.
  • Sie bringt mich dazu, Sachen zu sagen für die ich mich schäme und nimmt mich dann hundertprozentig an mit dem, was ich ihr mitteile. Schon mehrmals gab es Sachen, die ihr ihr eigentlich erst mal nicht sagen wollte, weil sie mir peinlich sind. Sie fordert mich dann aber genau das richtige Maß, damit ich mich doch traue – und wenn ich das tue, ist es immer einfach okay und ich musste mich überhaupt nicht schämen.
  • Ich darf bei ihr weinen, selbst wenn ich keinen Grund habe. … Zumindest, wenn ich sie damit nicht gerade triggere und sie dann in eine Traumasituation stürzt ;) Aber darüber haben wir erst gestern gesprochen, wie wir das deutlicher kommunizieren können.
  • Sie weiß, wo meine Schwächen sind und hilft mir, daran zu arbeiten. Sie kennt meinen Perfektionismus, meine Zukunftsängste, meine Sturheit. Sie weist mich darauf hin wenn es ihr auffällt, gibt Tipps und ist für mich da, ohne mir jemals das Gefühl zu geben, dass ich zu viel bin.
  • Sie nimmt alle meine Gefühle ernst.
  • Wenn ich vor etwas Angst habe, versichert sie es mir gerne immer und immer wieder.
  • Sie akzeptiert meine Interessen, auch wenn sie sie nicht versteht. Ich fangirle auch gern mal sehr stark, über YouTuber oder Bands oder sonst irgendwas – und es gibt Dinge, die mir wichtig sind, ihr aber nicht. Sie zieht mich zwar ein bisschen damit auf, aber macht sich nicht darüber lächerlich. Und wenn mir etwas wirklich sehr am Herzen liegt, nimmt sie sich die Zeit, das auch mal selbst anzuschauen.
  • Wenn es mir nicht gut geht, merkt sie es. Sie sieht mir das fast immer an wenn irgendwas nicht stimmt und spricht mich dann darauf an. Das hat mir sehr dabei geholfen, offener zu werden und zu zeigen, wie es mir geht. (Manchmal denkt sie aber ein bisschen zu oft dass irgendwas nicht stimmt – und manchmal stimmt zwar wirklich etwas nicht, aber ich kann es selbst noch gar nicht in Worte fassen. Aber sie arbeitet auch daran, mir dann erst mal Zeit zu geben.)
  • Sie hat mir dabei geholfen, meine eigenen Gefühle ernst zu nehmen. Karo lässt nie durchgehen, wenn ich darüber hinweggehe wie es mir geht und hilft mir zu lernen, dass ich ein Recht habe, über das zu reden was mich belastet. Und dass ich es nicht ignorieren darf, weil es mir dann noch schlechter geht.
  • Sie glaubt an mich.
  • Sie sagt mir, dass sie mich süß findet.
  • Sie sagt mir, dass ich ihr wichtig bin und sie mich liebt.
  • Sie berührt mich um mir Liebe zu zeigen. Für mich ist Berührung die wichtigste Sprache der Liebe und ich fühle mich sehr geborgen und sicher, wenn ich von Karo liebevoll berührt werde. Für sie sind eher Worte wichtig. Aber so wie ich mich deshalb bemühe, ihr meine Anerkennung mit Worten zu sagen, bemüht sie sich, mich von sich aus in alltäglichen Situationen liebevoll zu berühren.
  • Sie hört mir immer zu, wenn mich etwas belastet – selbst, wenn es um uns beide geht. Um genau zu sein fordert sie mich seit Jahren sogar aktiv auf, ihr zu sagen, wenn mich etwas zwischen uns beiden belastet.
  • Sie will sich um mich kümmern, wenn ich krank bin. Und auch wenn das physikalisch nicht geht durch die Fernbeziehung die wir noch führen, tut es irgendwie sehr gut.
  • Sie ruft mich an, wenn etwas passiert, was sie erzählen will. Ich kann sie anrufen, wenn ich etwas erzählen will.
  • Sie hat die schwierigen Unterhaltungen mit mir, auch wenn ihr Konflikt Angst macht. Aber sie weiß, wie wichtig es für mich und für uns ist, und spricht mit mir aus, was zwischen uns steht. Auch noch um eins in der Nacht.
  • Sie lässt mich sein wie ich bin.
  • Sie schätzt ihre Selbstständigkeit genau so, wie ich meine schätze.
… Und wahrscheinlich noch einiges mehr. Es gibt einfach unendlich vieles was mir gut tut. Aber das sind auf jeden Fall die meisten der wichtigsten Dinge.

Ich hab mich sehr bemüht, einfach über alles nachzudenken was mir gut tut, unabhängig davon ob es erwartet wird oder nicht. Manche dieser Dinge kommen mir so selbstverständlich vor und es ärgert mich fast, sie aufzuschreiben. Denn es ärgert mich, wenn diese Dinge nur wegen einer Diagnose in Frage gestellt werden.
Andere Dinge finde ich besonders und wunderschön und ich bin stolz darauf, dass sie Teil unserer Beziehung sind.

Wenn du das hier liest, und dich fragst, „aber macht Karo denn auch dies oder hat Laura auch jenes und was ist eigentlich mit …?“, dann schreib mir gern einen Kommentar und ich beantworte ihn! Für mich ist unsere Beziehung normal und für mich ist es auch normal, dass wir uns wertschätzen und gegenseitig gut tun, deshalb fallen mir vielleicht viele Dinge nicht ein, nur weil sie für mich selbstverständlich sind. Aber wenn dich interessiert wie das bei uns ist, dann: Frag einfach! :)

Ich hoffe, das konnte euch allen einen besseren Einblick in unsere Beziehung geben. Ich schreibe hier viel über die negativen Seiten, weil die halt oft von den psychischen Erkrankungen kommen, über die dieser Blog ist – aber es gibt so viele positive Seiten, die ich hier noch nicht so viel reingebracht habe. Ich hoffe, dieser Post zeigt ein bisschen was davon. :)

Dienstag, 15. Mai 2018

Sex mit Depressionen und nach sexueller Gewalt


Na da bin ich mal gespannt, ob dieser Beitrag mal ungewöhnlich hohe Klickzahlen bekommen wird – vermuten kann man es bei dem Thema ja ;)

Es geht heute um Sex. Aber nicht im Detail, also darfst du trotzdem mitlesen, Mama.

Anstatt Tipps zu lesbischem Sex zu geben oder wie auch immer Leute sonst hier drauf stoßen könnten, will ich darüber schreiben, wie Karos psychische Krankheiten auf unser Sexleben Einfluss genommen haben und wie das für mich war.

Da gibt‘s vor allem zwei Faktoren, die eine Rolle spielen und gespielt haben. Der erste davon sind Depressionen.

Karo hat seit Jahren chronische Depressionen, mit manchmal stärkeren und manchmal schwächeren Phasen. Ein Symptom von Depressionen kann auch sein, dass man weniger Lust auf Sex hat.
Zusätzlich haben aber auch viele Antidepressiva die Nebenwirkung, dass sie die Libido ebenfalls noch mal senken – also noch mal weniger Antrieb für Sex da ist.

Der andere Faktor ist, dass Karo als Jugendliche vergewaltigt wurde. Sie hat vor kurzem das erste Mal öffentlich darüber geschrieben. Für viele Opfer von Vergewaltigungen sind deshalb natürlich bestimmte Dinge, die man beim Sex machen kann, große Trigger und können Flashbacks hervorrufen (also ein Gefühl, wieder direkt in der Situation zu stecken, so als ob sie jetzt gerade passiert). Davon abgesehen kann es auch einfach unangenehm sein oder man kann sich schämen, es kann weh tun oder man kann einfach nicht wollen.

Ich fange erst mal mit dem Einfluss von der Vergewaltigung an.

Von der Vergewaltigung wusste ich mehr oder weniger von Anfang an, weil Karo mir schon bevor wir uns das erste Mal als Paar getroffen haben sagen wollte, dass sie vielleicht nicht sehr schnell mit mir schlafen wollen würde. Überhaupt Bescheid zu wissen was damals passiert ist und wie es Karo ging, das war erst mal ein großer Schock für mich. Ich habe mich nie vor Karo geekelt oder sie als schuldig gesehen (ein Gedanke, mit dem viele Vergewaltigungsopfer kämpfen!), aber der Gedanke an die Schmerzen und die grausamen Dinge von denen sie mir eh nur ansatzweise erzählt hat, haben trotzdem dafür gesorgt, dass mir ganz schlecht wurde wenn ich daran gedacht hab. (Und: Es hat mir auch gezeigt, dass ich wohl doch kein durch und durch friedfertiger Mensch bin. Und dass Gewaltfantasien gegenüber Menschen, die denen weh tun die ich liebe, durchaus… vorkommen. Aaaah. Arschlöcher.)
Aber jedenfalls war für mich natürlich klar, dass ich Karo alle Zeit der Welt geben würde. Wir hatten darüber gesprochen ob sie überhaupt Sex haben will und sie hat gesagt ja, irgendwann – sie weiß nur nicht, wie lange es dauert. Aber das war okay für mich. Ich war auch selbst noch völlig unerfahren und hatte kein Problem damit zu warten.

Nach etwa einem dreiviertel Jahr Beziehung haben wir dann doch miteinander geschlafen, nachdem wir uns langsam daran angenähert hatten. Karo war diejenige die das initiiert hat – um genau zu sein, hat sie mich davor gefragt ob „das da nicht zu viel ist“ und damit unsere restliche Kleidung am Körper gemeint, aber ich bin erst mal fast in Tränen ausgebrochen, weil ich gedacht habe, dass ich ihr weh getan habe ;)

Einige Jahre lang haben wir dann einige Dinge aus unserem Sexleben ausgeklammert, die zu große Trigger für Karo gewesen wären. Das war immer okay für mich – ich war zwar neugierig dabei manches davon mal auszuprobieren, aber man kann sich ja auch allein behelfen ;)
Die Vergewaltigung spielt immer noch eine Rolle für uns. Manchmal hat Karo Flashbacks nachdem oder während wir miteinander schlafen. Dann brechen wir einfach ab und tun, was für sie in dem Moment am besten ist. An manche spezifischen Sexdinge nähern wir uns langsam an und probieren sie erst nach Jahren zum ersten mal aus. Aber um ehrlich zu sein: Immer mal wieder auf einmal was neues zu erleben ist auch ganz schön spannend! :)

Für mich ist es auch ganz schön berührend, dass Karo mich so an sich ranlässt und ich all diese Dinge mit ihr erleben darf, selbst wenn sie teilweise so schlimme Erinnerungen mit sich ziehen. „Danke, dass du mir zeigst, dass Sex auch schön sein kann“, hat sie vor kurzem zu mir gesagt, und das wiederum macht mich echt wahnsinnig glücklich.

Und wichtig finde ich auch: Mir fehlt nichts! Falls das hier jemand liest, der vielleicht selbst vergewaltigt wurde oder Probleme mit bestimmen Sexdingen hat: Ich bin nicht traurig oder unbefriedigt oder frustriert. Man kann über alles reden. Jedes Paar muss so oder so sein eigenes Sexleben genau besprechen und herausfinden, was einem zusammen gefällt. Das ist nicht anders, wenn einer von beiden (oder beide) sexuelle Gewalt erlebt haben. Man findet immer Wege, damit beide glücklich sind. (Und für mich persönlich hat sich nichts davon wie Verlust oder Anstrengung oder auch nur schwere Arbeit angefühlt.)

Der zweite wichtige Punkt ist, wie oben gesagt, der Einfluss von Depression und Antidepressiva.

Das war am Anfang noch kein Problem, aber nach einigen Monaten oder so sind Karos Depressionen immer schlimmer geworden und sie hatte immer weniger Lust auf Sex. Vermutlich haben zu dieser Zeit auch ihre Antidepressiva dabei eine Rolle gespielt. So oder so: Sie wollte keinen Sex und ich wollte schon, und das war einige Zeit lang ganz schön schwer.

Ein Problem war halt auch, dass wir ja eine Fernbeziehung hatten (und noch haben) und es deshalb nur normalerweise ein Wochenende pro Monat gab, wo wir die Gelegenheit gehabt hätten – und weil Karo selten Lust hatte, fiel das halt oft nicht gerade mit diesem einen Wochenende zusammen.

Ich dagegen hatte das alles gerade erst für mich entdeckt nachdem wir das erste mal Sex gehabt hatten und fand es sehr schwer auszuhalten, dass wir jetzt davon überhaupt nichts mehr tun konnten. Ich war oft traurig und verletzt, weil mir diese Form von Intimität so viel bedeutet hat und es weh tat, sie nicht haben zu können. Ich wollte andererseits natürlich aber auch Karo nie in irgendetwas drängen. Bewusst habe ich das auch nie getan, aber sie hat mir sehr viel später erzählt, dass sie manchmal einfach mitgemacht hat, weil sie mir nicht weh tun wollte. Das zu hören hat mir ein bisschen das Herz gebrochen und ich schäme mich sehr dafür.

Wir haben in der Zeit auch viele Gespräche dazu geführt. Oft habe ich dabei geweint und es Karo damit bestimmt nicht leicht gemacht. Im Nachhinein tut es mir wahnsinnig Leid, wie viel Druck ich damit indirekt auf Karo ausgeübt habe und wie belastend es gewesen sein muss, dass ich meine sexuelle Zufriedenheit so sehr davon abhängig gemacht habe, ob sie gerade mit mir schlafen wollte oder nicht.

Mit der Zeit habe ich aber gelernt, mein Glück (in diesem Punkt, aber auch ganz allgemein) nicht von Karo abhängig zu machen. Wenn ich etwas will, dann hole ich es mir eben. Wenn ich sexuelle Sachen ausprobieren will, hab ich ja immer noch meine Hand und diverse Spielzeuge. Ich wollte meine Bedürfnisse nicht mehr nur von anderen Menschen …… befriedigen (oh Mann) lassen, sondern mich einfach selbst darum kümmern, dass ich auf meine Kosten komme.

Irgendwann war ich damit sogar an einem Punkt (und bin es noch) wo ich weiß, dass ich auch eine Beziehung führen könnte, in der mein Partner keinen Sex wollen würde. Ich selbst mag Sex gern und finde es wahnsinnig schön, zusammen Dinge zu erleben und auszuprobieren und sich auf so eine intime Art zu lieben. Aber wenn das jemand nicht wollen würde, würde ich trotzdem mit der Person zusammen bleiben können und einfach mit mir selbst meinen Spaß haben.

Irgendwann ganz am Ende oder nach diesem langen persönlichen Prozess hat sich da aber auch bei Karo und mir wieder einiges geändert. Karo hatte (und hat) zwar weiterhin Depressionen, aber sie hat irgendwann wieder mehr Lust auf Sex gehabt. In der Zwischenzeit hatte sie auch ihr Antidepressivum gewechselt und wir vermuten beide, dass das einen großen Einfluss gehabt hat. Die Medikamente, die sie danach genommen hat, haben sich bis jetzt nie negativ auf ihre Libido ausgewirkt.

Für mich persönlich war es zwar eine schmerzhafte und komplizierte, aber im Nachhinein unglaublich wertvolle Erfahrung damit klarzukommen, dass meine Partnerin keinen Sex mit mir will. Ich habe das Gefühl, dass ich mich damit von den Erwartungen der Gesellschaft loslösen konnte, die das Sexleben immer so eindeutig mit einem aktuellen Partner verbinden. Für mich ist das einfach nicht mehr notwendig. Es ist wie gesagt eine Ebene in einer Beziehung die ich unglaublich gerne mag, aber nichts, auf das ich in der Beziehung direkt angewiesen bin und das tut mir wirklich, wirklich gut.

Ich kann jedem nur dazu raten, sich auch einfach mal selbst auszuprobieren und es nicht abhängig vom Partner zu machen, wie sehr man sexuell zufrieden ist. Oh, und natürlich: Gespräche. Ganz viele Gespräche. Offene und allgemein gehaltene und konkrete. Mit dem Partner darüber reden ist einfach immer das beste!
(Und vielleicht auch mal mit dem Arzt sprechen, wenn man selbst Antidepressiva nimmt und vermutet, dass die eine Rolle spielen könnten. Wenn man gerne Sex hätte und die Medikamente das eventuell verhindern, ist das ein absolut legitimer Grund, über einen Medikamentenwechsel nachzudenken. Sex ist nicht unwichtig!)

So. Jetzt hab ich oft genug das Wort Sex geschrieben. Jetzt ist aber mal Schluss. :)

Dienstag, 24. April 2018

Unser Beziehungsalltag

In meinem letzten Blogpost habe ich ja darüber geschrieben, wie eine typische Woche in Karos und meiner Beziehung aussieht, während sie gerade in der Klinik ist. Die Klinikzeit ist für mich stark davon geprägt, dass sie wenig Zeit für mich hat, viele schwere Dinge erlebt von denen ich oft nur am Rand etwas mitbekomme, und es ihr oft schlecht geht, ohne dass ich da bin. Vor allem ist es eine Zeit des Vermissens, für mich ganz persönlich.

Ich fand es sehr wichtig, diesen Teil unserer Beziehung zu zeigen. Für Karo ist die Klinikzeit natürlich keine leichte Zeit. Darüber hat sie hier sehr eindrücklich geschrieben. Und für mich als Partnerin hat das eben auch Auswirkungen, was genau das ist, wovon ich hier auch ehrlich und offen berichten will.

Jetzt ist Karo aber gerade nicht in der Klinik. Sie ist zuhause und macht regelmäßig ihre ambulante Therapie weiter, die sie auch vor der Klinik schon hatte. Unser Alltag ist in dieser Zeit ein ganz anderer und ich will euch auch diesen hier zeigen.

Wie ist der Beziehungsalltag zwischen zwei Frauen, von denen eine sehr belastende psychische Krankheiten hat?

Wir beginnen mit...
Samstag, 14. April
Um halb acht wache ich auf und schreibe Karo guten Morgen. Eine Stunde später fahre ich zum Bahnhof, denn ich besuche Karo heute! Wir sind bereits auf Wohnungssuche für die Wohnung, in die wir ab Herbst zusammenziehen werden, und haben morgen unsere erste Besichtigung.
Als ich am Bahnhof ankomme schreibt mir auch Karo guten Morgen. Ich schicke ihr ein paar Fotos und schreibe ihr über den Bagger am Bahnhof - sie ist sehr traurig, dass ich ihr davon kein Foto geschickt habe ;)
Um 10 Uhr bin ich gerade im Zug und Karo fragt ob wir kurz telefonieren können. Sie ruft mich an und erzählt mir von einem Ereignis in der Familie, das sie gerade sehr belastet. Wir sprechen ein bisschen darüber.
Kurz darauf ist Karos Blogeintrag für diesen Tag online (wir machen gerade eine 31-Tage-Challenge) und wir schreiben ein bisschen darüber. Auch während dem Rest der Zugfahrt tauschen wir noch ein paar kurze Nachrichten aus.
Um halb eins komme ich dann am Bahnhof an, wo mich Karo mit Umarmungen und Küssen empfängt. Wir freuen uns beide sehr uns so spontan zu sehen.
Wir kaufen Döner die wir bei ihren Eltern zuhause essen. Karo probiert Kleider an und ich sage ihr welche schön sind, wir reden viel und kuscheln. Später fahren wir in einen Ort in der Nähe und besorgen eine Kleinigkeit und kaufen uns Eisbecher zum Mitnehmen. Wieder zuhause angekommen essen wir die Eisbecher zusammen mit Karos Mutter.
Abends ist Public Viewing von einem Basketballspiel, das wir uns zusammen mit Karos Freunden ansehen. Wir fahren zusammen mit dem Auto zu Karos Freundin. Weil wir früher da sind, reden wir noch am Parkplatz und- flirten ziemlich viel ;)
Dann fahren wir zusammen mit den Freunden weiter zum Spiel. Es ist schön, mit Karo zusammen Zeit mit ihren Freunden zu verbringen. Leider habe ich ein bisschen Kopfschmerzen, aber Karo massiert mich während dem Spiel kurz.
Spät abends sind wir wieder zuhause. Wir haben Sex und er ist ziemlich gut. Kurz nach Mitternacht gehen wir schlafen - Karo in ihrem Bett, und ich auf einer Matratze auf dem Fußboden, weil für eine Nacht es den Aufwand nicht wert wäre, das irgendwie anders zu machen.

Sonntag, 15. April
Der Morgen startet gemütlich zusammen im Bett. Später dusche ich und wir machen uns fertig für die Besichtigung der Wohnung, zu der uns Karo wieder mit dem Auto fährt. Die Wohnung gefällt uns sehr gut, leider ist sie aber auch viel zu klein für uns beide, da sie nur ein einziges Zimmer hat. Anschließend fahrend wir kurz in Karos aktuelle Wohnung und ich helfe ihr, ihren Kühlschrank auszuräumen, da sie längere Zeit nicht dort war und nicht mehr alles gut ist.
Auf dem Weg zurück zu ihren Eltern zeigt mir Karo ein Lied, in dem es darum geht, dass man sich bei der Person die man liebt zuhause fühlt. Es berührt mich sehr, weil ich mich auch so fühle (und weil ich PMS habe...), und ich weine mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Erst ein paar Minuten später als wir weiter darüber reden stellt sich heraus, dass Karo mein Weinen voll verunsichert hat, weil sie dachte, dass ich deshalb weine, weil sie eben nicht mein Zuhause ist. Zum Glück haben wir darüber geredet!
Zuhause bereiten wir zusammen Mittagessen vor und haben dort eine kleine Auseinandersetzung über eine ziemliche Belanglosigkeit. Es ist ein bisschen angespannt zwischen uns und wir sind nach wie vor nicht sehr geübt darin, Auseinandersetzungen direkt miteinander zu klären. Aber wir sprechen darüber und bemühen uns beide sehr, so dass es dann schnell wieder gut ist.
Den Nachmittag verbringen wir noch recht gemütlich mit kuscheln und reden, über bescheuerte Dinge,  alltägliches, Liebe, Zukunft, oder Karos Therapien. Am frühen Abend muss Karo mich wieder zum Bahnhof fahren. Wir reden dort noch sehr gut über Dinge, die wir uns voneinander wünschen und haben ziemlich viel Spaß dabei.
Um halb sechs bin ich wieder im Zug und fahre nach Hause. Zwischendurch bemerke ich, dass ich vergessen habe ein Ticket zu lösen und bekomme ziemlich Angst während ich ein Ticket ab der nächstmöglichen Station per Handy kaufe. Karo beruhigt mich während der ganzen Zeit.
Später schreibt sie einen Blogpost zu einem sehr persönlichen Thema und ist sehr nervös deswegen. Sie zeigt mir den Post und ich versichere ihr, dass er gut ist.
Um neun Uhr komme ich zuhause an und fahre mit dem Rad gleich zu meiner Wohnung. Karo wollte noch telefonieren, aber ich wollte einfach schnell nach Hause, und als ich dort angekommen bin, ist sie schon zu müde. Sie schreibt mir gute Nacht und schickt das tägliche Gute-Nacht-Selfie. Ich selbst bin noch wach bis kurz nach eins, weil ich sehr viel Spaß beim Fangirlen habe.

Montag, 16. April
Um halb zehn sagt mir Karo guten Morgen, gleich darauf bin auch ich wach und schreibe ihr das selbe. Wir telefonieren erst mal spontan zwanzig Minuten. Danach mache ich mich fertig und frühstücke. Ich habe eine lange to-do-Liste und arbeite in der nächsten Stunde einige Sachen davon ab.
Kurz vor zwölf, bevor Karos Therapie beginnt, schreiben wir einander noch ein bisschen. Ich beruhige sie wegen ihrem Blogpost für heute und sie erinnert mich daran dass sie heute eine Doppelstunde Therapie hat, damit ich mir keine Sorgen mache. Dann arbeite ich weiter, schaue Videos, schreibe mit Freunden und fühl mich zunehmend immer kränker. Um halb zwei male ich mir einen Schmetterling auf den Arm für das Butterfly-Project und schicke das Karo.
Kurz vor zwei ist Karo mit der Therapie fertig. Sie freut sich über einen freundlichen Kommentar zu dem Blogpost bei dem sie so nervös war, dann ruft sie mich an und erzählt mir kurz von ihrer Therapiestunde.
Danach fährt sie weiter zu einer Freundin und ich arbeite weiter meine Liste ab. Um halb vier habe ich selber einen Blogpost geschrieben, der auch sehr persönlich ist. Ich bin nervös und bitte Karo um ihre Rückmeldung. Sie bestätigt mich in dem Post und findet ihn sehr gut, also poste ich ihn.
Am weiteren Nachmittag schreiben wir noch ein bisschen hin und her über verschiedene Dinge. Ich fahre nach dem Einkaufen noch in den Park, wo ich mit meinen Eltern telefoniere, und schicke Karo Fotos davon. Es folgen später noch ein paar kürzere Nachrichten.
Um elf Uhr frage ich Karo, wie das Basketballspiel war das sie heute angesehen hat, und sie freut sich total dass ihre Mannschaft gewonnen hat. Eine halbe Stunde später schickt sie mir ihr Gute-Nacht-Selfie, und noch mal eine halbe Stunde später geh auch ich schlafen.

Dienstag, 17. April
Heute ist unser fünfjähriger Jahrestag!
Ich wache um halb acht auf und fühle mich sofort sehr krank. Ich mache Karo eine Sprachnachricht, weil das leichter ist, und jammere davon, wünsche ihr aber auch einen schönen Jahrestag. Sie wacht um acht Uhr auf und hat selbst auch Kopfweh.
Um 10 Uhr halte ich ein Tutorium an der Uni. Es ist der erste Termin, also muss ich trotz Krankheit hin, so gut es irgendwie geht. Ich sag Karo noch Bescheid bevor es losgeht.
Um halb zwölf schreibt sie mir zurück, dass sie sich kurz hingelegt hat und danach noch Sport gemacht hat. Sie würde heute gerne telefonieren oder skypen. Ich rufe sie stattdessen gleich zurück, während ich durch den Park zurück von meinem Tutorium zum Busbahnhof gehe. Wir reden ein bisschen über das Tutorium, übers krank sein, aber flirten auch sehr viel und freuen uns über unseren Jahrestag.
Karo schickt mir ein Foto von ihrem Mittagessen. Ich wünsch ihr guten Appetit und schick ihr ein Selfie, auf dem ich durch und durch matschig aussehe. Ich versuche zu schlafen, aber es klappt leider nicht.
Um halb zwei tweete ich über unseren Jahrestag mit einigen Fotos. Karo sieht es kurz darauf und freut sich sehr.
Um drei schreiben wir noch einmal, dieses mal darüber, wie es uns geht. Wir beschließen, unsere Blogchallenge auszusetzen für heute.
Von vier bis fünf schlafe ich endlich ein bisschen. Als ich aufwache, rufe ich sie gleich an. Wir reden eine ganze Weile lang über Liebe und krank sein. Karo ist total süß zu mir und bringt mich fast zum Weinen. Ich gebe mein Bestes, ihr eine süße Jahrestagsrede zu halten obwohl ich so krank bin, und je mehr ich rede umso besser wird es, bis Karo weint <3 Es ist sehr schön und wir haben uns sehr, sehr lieb.
Abends mache ich mir Dosensuppe warm und fühle mich ein bisschen besser. Wir schreiben ein bisschen hin und her im Laufe des Abends.
Um kurz vor zehn geht Karo schlafen, postet dann aber noch auf Instagram über unseren Jahrestag. Sie schreibt darüber warum ich ihr wichtig bin und ich freu mich total.
Ich selbst schaue noch Videos und mache Yoga, weil mein ganzer Körper weh tut, und schlafe dann erst um halb zwölf.

Mittwoch, 18. April
Ich bin den ganzen Tag immer noch krank. Wir schreiben uns wie immer über den Tag verteilt über die Dinge die wir tun oder allgemeine Dinge, die uns gerade beschäftigen. Mittags telefonieren wir eine Weile. Abends reden wir kurz über etwas, worüber ich mir ein bisschen Sorgen macht, und Karo geht sofort sehr lieb auf mich ein.
Ich kürze den Tag ab, weil es da nicht viel neues gibt :)

Donnerstag, 19. April
Wir schlafen beide bis nach 10. Als ich aufwache, mache ich Karo erst mal eine Sprachnachricht dazu und erzähle, dass ich nachts zwei Stunden lang wach war, weil ich Gliederschmerzen hatte.
Karo ruft mich an und wir telefonieren kurz.
Um zwölf hab ich Fenster geputzt, davon schreib ich Karo. Davor war ich im Internet und habe Zeit mit meiner Mitbewohnerin verbracht. Mit der geh ich jetzt auch Sushi essen, was wir schon lange geplant hatten. Ich schicke Karo ein Foto davon - weil, uns gegenseitig mit leckerem Essen neidisch machen, ist so ein bisschen unser Ding. Aber so neidisch ist sie gar nicht, sie schreibt mir nur eine ganze Weile später guten Appetit.
Ich antworte aber auch erst nach einer Stunde, nachdem ich mit meiner Mitbewohnerin vom Einkaufen zurück komme. Den Nachmittag über schreiben wir noch ein paar Nachrichten hin und her. Karo besucht ihren Vater in einer medizinischen Reha und wir unterhalten uns über unsere kurzen Blogposts für den Tag.
Abends frage ich wie es ihr geht. Karo schreibt mir dass sie nervös ist, weil sie unter vielen fremden Menschen ist, und fragt wie es mir geht. Ich bin körperlich noch ziemlich fertig und schreib ihr davon. Ein bisschen später schreibe ich ihr, dass ich sie vermisse, und was sie gerade macht. Sie vermisst mich auch, sagt sie, und fragt auch mich was ich mache.
Um halb zehn schicke ich Karo mehrere sehr lange Nachrichten zu der gesundheitlichen Situation einer meiner besten Freundinnen. Ich mache mir große Sorgen um sie, vor allem nach den Nachrichten die ich gerade von dieser Freundin bekommen habe. Zehn Minuten später ruft mich Karo unaufgefordert an und ist offensichtlich gerade vor dem Restaurant, in dem sie mit ihrer Familie und Bekannten ist. Wir reden darüber, über die Angst die ich hab und sie versteht mich, macht Vorschläge und bestärkt mich. Nachdem wir auflegen, schicke ich Karo auch noch einen Screenshot davon, wie die Unterhaltung mit meiner Freundin weitergegangen ist.
Um elf Uhr geht Karo schlafen. Ich auch, etwa eine halbe Stunde später.

Freitag, 20. April
Der Tag heute verläuft ähnlich wie die bereits vergangenen, außer, dass ich wieder richtig fit bin. Ich wache eineinhalb Stunden vor Karo auf, was nicht ungewöhnlich ist. Wir telefonieren fast eine Stunde lang. Über den Tag hinweg folgen wieder regelmäßige bis unregelmäßige Nachrichten zu den Dingen die wir gerade machen und die uns durch den Kopf gehen. Nachmittags reden wir wieder über unsere Blogthemen für heute und weil Karo etwas verzweifelt wirkt, rufe ich sie an. Wir reden darüber was sie schreiben kann und ich bleib als moralische Unterstützung am Telefon während sie tippt. Ich selbst bereite währenddessen einen Salat für ein Treffen am Abend mit meinen Freunden vor.
Abends genieße ich dann meine Zeit mit Freunden und schicke Karo wann immer ich kann kurze Updates dazu. Manchmal antworte ich nur knapp auf ihre Nachrichten, manchmal schicke ich ein Bild.
Karo geht um halb zehn schlafen, was ich erst eine halbe Stunde später sehe und beantworte. ich selbst komme erst spät nach Hause und mache ihr um viertel nach eins eine Sprachnachricht, in der ich ihr noch von meinem Abend erzähle und ihre gute Nacht wünsche.

Kurze Zusammenfassung
Das war's! So sieht unsere Beziehung zurzeit aus.
Manchmal treffen wir uns, so wie am Anfang beschrieben. Manchmal sind angespannte Situationen da, aber immer finden wir einen Weg, die zu klären.
Zurzeit telefonieren wir sehr oft, meistens jeden Tag mindestens einmal. Das war früher schon mal anders. Das ist definitiv aber auch in der Klinikzeit anders, wo Karo die ganze Zeit sehr gestresst und erschöpft ist. Ich mag es sehr, dass wir so oft spontan miteinander telefonieren.
Die meisten unserer Fernbeziehungstage sehen vor allem so aus, dass wir uns über den Tag verteilt mal mehr, mal weniger Nachrichten zu unserem Alltag schicken. Manchmal über tiefergehende Dinge reden (dann aber meistens am Telefon). Manchmal nur lustige Bilder oder Sticker schicken.
Wie man hier ganz gut sieht, finde ich, ist unsere Beziehung sehr ausgeglichen. Hier in dieser Woche hat mich Karo sogar öfter unterstützt als umgekehrt, was zum Teil natürlich damit zusammenhing, dass ich krank war. Aber wir beide sind einfach füreinander da, wenn wir einander brauchen.

Karos Krankheiten, ihre Stimmungen oder Therapien oder Ängste, die sind Teil unserer alltäglichen Gespräche. Sie beeinflussen aber zurzeit unsere Beziehung sehr selten in größerem Ausmaß. Genauso habe ich auch manchmal meine Probleme, die unsere Beziehung ebenfalls beeinflussen.

Wenn bei dir Fragen aufgetreten sind zu unserer Beziehung, würde ich mich total freuen, wenn du mir die in die Kommentare schreibst! Für mich selbst ist unsere Beziehung so etwas normales, das ich oft gar nicht weiß, was genau ich daran hervorheben oder näher beschreiben soll. Aber wenn du etwas wissen möchtest (und mir damit ein tolles Blogpostthema lieferst) - immer raus damit! :)

Freitag, 2. März 2018

Beziehungsalltag in der Klinikzeit

Vor einer Weile hat Karo darüber gebloggt, wie ein normaler Tag bei ihr auf Station aussieht. Damit hat sie mir unwissenderweise meine Idee geklaut, die ich schon seit bestimmt über einem Jahr hab, mal über eine Woche im Alltag von unserer Beziehung zu bloggen! Weil ich das nicht auf mir sitzen lassen konnte, hab ich es dann doch endlich durchgezogen eine Woche mitzuschreiben, und ca zwei Wochen später seht ihr jetzt auch das Ergebnis davon.

Die Woche die hier beispielhaft für eine normale Woche in unserer Beziehung stehen soll, ist ein bisschen anders, weil Karo zu der Zeit ja gerade in der Klinik war. Das hat auf jeden Fall auch Auswirkungen auf unsere Beziehung, zum Beispiel darin, dass wir deutlich weniger Zeit und Gespräche als Paar miteinander haben, was - wie ihr sehen werdet - zu Stress zwischen uns führen kann. Außerdem habe ich Karo in dieser Woche getroffen, was ja ca. einmal im Monat passiert, aber nur für einen Tag, weil siehe oben: Klinik. 

Das hier ist also: Wie wir als Paar sind, wenn Karo in der Klinik Therapie hat.

Dienstag, 13. Februar
Ich wache um ca. 7:30 auf und schreibe Karo Guten Morgen. Etwa eine Stunde später wünscht auch sie mir einen guten Morgen. Ich stecke mitten in der Prüfungszeit und habe deshalb einen vollen Tag vor mir. Ich frühstücke und bereite mich auf alles vor. Um etwa 10 Uhr schickt mir Karo ein Foto aus der Ergotherapie und wir unterhalten uns kurz darüber, dann fange ich an zu lernen. Um 11 Uhr habe ich eine willkommene Pause, als Karo mir von ihrem oben erwähnten Blogeintrag erzählt, ich den durch lese und ihr eine Sprachaufnahme dazu mache, worauf sie auch antwortet.. Über den Nachmittag verteilt schicke ich ihr zwei weitere kurze Nachrichten. Um vier Uhr bin ich mit Lernen fertig. Ich gehe noch spazieren und schicke ihr um fünf Uhr ein Selfie von mir auf dem Spaziergang. Kurz darauf antwortet sie mir auf meine Nachrichten und erzählt, dass sie gerade einkaufen war. Ich gehe auch noch einkaufen und gebe bei Karo mit dem Krapfen an, den ich mir gekauft habe und frag sie, ob sie morgen telefonieren will. Nach einer Weile sehe ich, dass Karo die Nachrichten gelesen, aber nicht geantwortet hat. Um etwa acht Uhr Abends macht mir Karo eine Sprachnachricht. Sie erzählt mir, dass sie einen sehr anstrengenden Tag hatte, an dem sie schlechte Nachrichten von ihrer Familie bekommen hat und viele Flashbacks hatte und es ihr nicht gut geht. Wir unterhalten uns ein bisschen darüber. Um ca. 20:45 schickt mir Karo ein Selfie von ihr im Bett (unser tägliches Ritual) und wünscht mir eine gute Nacht, die ich ihr zurück wünsche. Ich bin noch wach bis ca. 23 Uhr, und schicke ihr dann ebenfalls ein Gute-Nacht-Selfie. 

Mittwoch, 14. Februar
Ich habe an diesem Tag ein wichtiges Vorstellungsgespräch in der Nähe von Karos Wohnort, wo wir im Herbst zusammenziehen werden. Deshalb wache ich schon um 5:30 auf und bin um 7 Uhr am Bahnhof, wo ich Karo guten Morgen schreibe und einen schönen Valentinstag wünsche. Um 8:25 antwortet sie auf diese Nachrichten. Ich bin ziemlich nervös und habe Verspätungen und schicke ihr dazu ein paar Nachrichten. Ich frage sie auch ob sie beruhigende Worte für mich hat und schicke ihr dann Screenshots einer Unterhaltung mit einer guten Freundin, die mich auch beruhigen konnte. Um etwa 12 Uhr schickt mir Karo eine Sprachnachricht mit lieben Wünschen und aufmunternden Worten und ich antworte darauf, mittlerweile schon in der Stadt in der ich das Vorstellungsgespräch habe. Kurz vor 13 Uhr bin ich fertig und frage sie ob sie telefonieren will, da sie aber nicht gleich antwortet, mach ich ihr dann noch zwei Sprachnachrichten in denen ich erkläre wie es war. Um 13:43 antwortet sie mir dass ich das super gemacht hab und wir unterhalten uns noch ein bisschen darüber. 
Etwa eine Stunde später schickt sie mir selbst eine Sprachnachricht, es geht ihr sehr schlecht und sie erst mal schlafen ist. Über den Nachmittag hinweg schicke ich ihr mehrere Nachrichten. Ich mache mir Sorgen um sie und... es tut mir weh, dass es ihr so schlecht geht. Ein Teil von mir ist auch irgendwie eifersüchtig, dass das an diesem großen Tag für mich passieren muss, und sie nicht so da sein kann für mich wie ich es schön finde, und auch sie es bestimmt gern tun würde wenn sie könnte. Um kurz vor acht schreibe ich ihr dass ich sie vermisse und wie es mich manchmal mitnimmt, dass es ihr so schlecht geht. Kurz darauf antwortet sie auf eine Nachricht vom Nachmittag und schickt mir dann eine Videonachricht von sich selbst, in der sie mir von ihrem Abend kurz erzählt und dass sie jetzt schlafen geht. Sie ist sehr süß. Ich bin übermüdet und emotional und spamme sie mit Nachrichten dazu zu wie gern ich sie hab und dass sie süß ist. Sie antwortet dass sie mich liebt (braves Mädchen ;) ) und ich spamme sie weiter zu, bis sie mir ihr Gute-Nacht-Bild schickt. Mir geht's nicht gut und ich vermisse sie sehr und weine und es tut mir weh, wie wenig sie gerade Zeit für mich hat. Es ist ein ziemlich emotionaler Tag.

Donnerstag, 15. Februar
Um acht Uhr schreibe ich Guten Morgen, und kurz darauf schreibt Karo dasselbe zurück. Der letzte Tag hängt mir immer noch nach und es verletzt mich, so viel von mir gegeben zu haben und so wenig Reaktion darauf zu bekommen. Ich entscheide mich dazu, mich heute nicht bei ihr zu melden bis sie mir schreibt. Zum Teil ist das eine ziemlich unvernünftige Trotzreaktion auf meine Gefühle von gestern Abend, zum Teil sage ich mir dass sie ja vielleicht auch den Abstand braucht und es ihr gut tut nicht immer auf meine Nachrichten antworten zu müssen, zum Teil will ich einfach das Gefühl haben dass sie gerade wirklich mit mir reden wollte, wenn sie sich denn dann meldet. Ich halte das ganze nur bis etwa drei Uhr durch, wo sie sich dann immer noch nicht gemeldet hat. Ich schreib ihr dass ich es blöd fand ihr bis jetzt nicht geschrieben zu haben und erzähle ihr was ich bis jetzt gemacht habe. Um vier Uhr erreicht mich eine SMS von ihr, ob es mir gut geht und dass sie mich vermisst. Meine Nachrichten von vor einer Stunde haben sie nicht erreicht (weil die App manchmal spinnt). Ich habe mittlerweile ein sehr schlechtes Gewissen zu meinem "Plan" von heute morgen und entscheide mich, ihr davon zu erzählen und mich dafür zu entschuldigen. Das verletzt sie jedoch dann erst recht und wir haben so etwas ähnliches wie einen Streit, in dem ich allerdings das Gefühl hab dass sie zwar irgendwo sauer auf mich ist, sie sich offen aber nur selbst fertig macht. Irgendwie habe ich das Gefühl sowohl meine eigene Verletztheit, Wut und andere Gefühle zu fühlen, gleichzeitig aber auch zu versuchen ihre Seite der Auseinandersetzung einzunehmen in der auch sie das Recht hätte auf mich sauer zu sein, was sie aber so gar nicht fühlen und kommunizieren kann. Es ist anstrengend und nicht schön. Es macht nie Spaß, mich mit ihr zu streiten.
Um etwa halb neun telefonieren wir für eine Weile und reden auch kurz über die Auseinandersetzung. Dann erzählt sie mir aber auch sehr viel von ihrem gestrigen und heutigen Tag und wir unterhalten uns über den kommenden Samstag, an dem ich sie besuchen werde. Das Telefonat ist total schön und tut sehr gut. Mündlich ist es einfacher, Gefühle richtig rüberzubringen und es fühlt sich näher an. Außerdem ist es leichter sich zu unterhalten, und es ist so schön so viel von ihrem Alltag mitzubekommen. Wir telefonieren etwa 20 Minuten und dann geht Karo schlafen.

Freitag, 16. Dezember
Wir schreiben uns beide um etwa halb neun guten Morgen. Am Vormittag schicke ich ihr ein Selfie und Nachrichten dazu wie schädlich Rauchen ist, als Screenshots von der Vorlesung die ich gerade für meine Prüfung lerne. Karo antwortet darauf (nicht so begeistert von den Screenshots zum rauchen ;) ) und schickt mir ein Foto aus der Ergotherapie. Es ist schön und dass sag ich ihr und schick ihr dann ein Foto von meinem Mittagessen, wozu mir Karo guten Appetit wünscht. Wir schicken uns am Nachmittag noch einige Nachrichten dazu was wir grad machen und machen Witze. Wir reden auch darüber wann ich morgen kommen soll und sie schickt mir eine Sprachnachricht dazu. Auf ein Selfie das ich ihr schicke bevor ich zu einem Abendessen fahre, sagt sie mir dass ich hübsch bin (<3) und wünscht mir viel Spaß. Um sieben Uhr (!!!) schickt sie mir die Gute-Nacht-Nachricht. Ich antworte ca. eine Stunde später sehr geschockt, schreib ihr dass ich mir die Sprachnachricht später anhöre und mich auch auf morgen freue. Um zwölf Uhr schreibe ich Karo gute Nacht.

Samstag, 17. Februar
Heute treffen wir uns! Um kurz vor acht schreibe ich guten Morgen und schreib ihr noch was dazu wie wir planen uns zu treffen. Karo antwortet um halb neun. Ich schreib ihr dann wie esehr ich mich freue und schick ihr ein Selfie, das Karo süß findet. Wir schnulzen ein bisschen rum und schicken dann nur noch Nachrichten dazu wo ich grade bin/wann ich da bin. Um etwa halb elf komme ich bei ihr an. Wir treffen uns erst mal in der Klinik und gehen dann aber gleich in die Stadt, wo wir ein bisschen spazieren gehen und in Geschäfte gehen, bevor wir um etwa halb zwölf in ein Restaurant gehen. Wir unterhalten uns die ganze Zeit sehr viel und es gibt eigentlich keine stillen Momente, weil wir uns so viel zu erzählen haben und es auch einfach nie langweilig wird. In der Stadt halten wir meistens Händchen, was mir irgendwie immer noch ein warmes Gefühl im Bauch macht. Nach dem Essen gehen wir wieder spazieren und kurz einkaufen und dann in ein Café. Es wird kurzzeitig etwas angespannt als wir darüber reden, wann wir uns das nächste Mal sehen. Überall um uns herum sind Menschen und es ist schwer offen zu reden, und ich bemühe mich die ganze Zeit nicht in Tränen auszubrechen (ja, möglicherweise hab ich auch PMS, aber pschhht). Wir einigen uns so halb und reden erst mal über etwas anderes. Auf dem Weg zur Straßenbahn erzählt mir Karo noch davon, dass sie gerne noch mal in die Klinik gehen würde um ein weiteres Trauma aufzuarbeiten, und dass eigentlich der beste Zeitpunkt dafür diesen Herbst wäre - also quasi gleich nachdem wir zusammenziehen. Sie will meine Meinung dazu wissen, und für mich ist das erst mal sehr überfordernd und etwas beängstigend, weil es ganz anders ist als ich mir unsere ersten Monate zusammenleben vorgestellt habe, und dann ganz allein in einer fremden Stadt bin. In der Bahn zurück reden wir viel, und Karo erzählt mir auch dass es im Café sehr schwierig für sie war offen zu reden, und wir unterhalten uns noch mal ausführlicher darüber und klären das zwischen uns. Wir reden auch viel über den nächsten Klinikaufenthalt und wie es uns beiden mit der Situation geht. Als wir aussteigen, nimmt mich Karo erst mal in den Arm und lässt mich den Stress ein bisschen weg weinen. Sie ist wahnsinnig lieb und verständnisvoll. 
Zurück auf Station spielen wir zusammen ein bisschen Sims und später Karten. Die ganze Zeit reden wir auch viel. 
Um halb sechs verabschiede ich mich, was wie immer sehr schwer ist - besonders, nachdem wir nur so kurz Zeit miteinander hatten. Ich bitte sie noch mir Bilder zu schicken und sie bedankt sich, dass ich sie besucht habe. Am Bahnhof überlege ich ein bisschen über die Kliniksituation und stelle fest, dass ich mir da eigentlich mehr zutrauen kann als ich gerade tue, und dass es schon okay ist wenn sie die Entscheidung trifft die für sie am besten passt. Ich erzähl ihr davon in einer Sprachnachricht, damit sie das gleich weiß, und schreib ihr auch noch wie schön der Tag war. Sie ist sehr dankbar darüber. 
Wir schicken uns noch ein paar Nachrichten dazu was wir machen, bis Karo um etwa halb zehn schlafen geht. 

Sonntag, 18. Februar
Wir haben beide einen sehr faulen Tag vor. Dementsprechend schicken wir uns auch nur eine Handvoll von Nachrichten über den Tag hinweg und versinken ansonsten hauptsächlich in unseren jeweiligen Entspannungsaktivitäten. 

Montag, 19. Februar
Karo schreibt mir guten Morgen um halb acht und erzählt mir etwa eine Stunde später von einer Therapieaufgabe, die sie bewältigt hat. Um kurz vor neun bin ich auch wach und antworte ihr darauf und wir schreiben noch ein bisschen darüber, mit jeweils einigen Zeitabständen. Um zwei Uhr schickt mir Karo Fotos von ihr und einem Freund in der Klinik, ich schreib ihr dass die süß sind. Um kurz vor vier schickt sie mir einen Keks, den ich angemessen bewundere. Etwa um halb fünf schreib ich ihr wie wenig Lust ich noch zu lernen hab. Karo schickt mir ein Foto von dem Spezialkakao von einem Pfleger, den sie meistens bekommt wenn es ihr schlecht geht - und ein angetoastetes Knäckebrot. Ich teile ihr mit dass das ein schreckliches vergehen ist und frag ob es heute schwer für sie ist, aber sie sagt, dass es geht und sie nur schon viel geleistet hat. Wir unterhalten uns noch ein bisschen über ihre grauenhafte Entscheidung, ein Knäckebrot zu toasten. Um halb fünf schickt sie mir ein Foto davon dass sie jetzt einen Film schaut und ich schicke ihr ein beleidigtes Selfie, auf das ich ein Herz bekomme und ein paar liebe Sticker - und den Vorschlag, eine Pause vom Lernen zu machen. Ich mach leider schon die ganze Zeit eine Pause und teile ihr das auch mit. eine halbe Stunde später entscheide ich aber dass ich jetzt doch aufhöre und schreib ihr davon. Nach ein, zwei mehr Nachrichten schreibt mir Karo um kurz vor neun gute Nacht.

So - und das war's! Das ist sehr lang, aber ich hoffe, ihr fandet es trotzdem interessant.

Eine kurze Zusammenfassung:
Als "normale" Tage sehe ich solche, wo wir über den Tag verteilt ständig kurze Nachrichten schreiben, vielleicht mal mit einer mehrstündigen Pause, vielleicht mit einem Telefonat oder mehreren Sprachnachrichten. In der Klinikzeit sind Telefonate leider deutlich seltener, und es gibt mehr von den Tagen an denen es mehrere mehrstündige Pausen in unseren Gesprächen gibt oder wir kaum Nachrichten über unseren Tag schicken. Diese Tage finde ich schwer, und deshalb gibt es in der Klinikzeit auch häufiger angespannte Situationen zwischen uns als sonst normal wäre. 

In dieser speziellen Woche gab es sehr intensive solcher schweren Situationen zwischen uns. Das ist sonst nicht so der Fall, vor allem so etwas großes wie an diesem Donnerstag gab es davor viele Wochen lang nicht, und gab es auch seitdem nicht mehr. Aber gelegentlich ist es halt trotzdem auch Alltag, und deshalb gehört es auch hier dazu.

Karo hat heute gerade ihren letzten Tag in der Klinik. Ich bin sehr stolz auf alles was sie in diesem Aufenthalt wieder erreicht hat. Jetzt wird aber bald auch wieder ein anderer Alltag einkehren, einer in dem sie eben nicht stationäre Therapie macht, und ich würde gerne auch dazu einen Blogpost schreiben, um diese Erfahrungen vergleichen zu können!
Und vielleicht kann ich im Herbst oder nächstes Jahr dann auch einen Blogpost dazu schreiben, wie der Alltag ist, wenn wir zusammen wohnen. :) Darauf freue ich mich schon so sehr.

Jetzt aber erst mal... bis zum nächsten Blogpost!

Dienstag, 28. November 2017

Ein ganz schön liebenswerter Arsch.

Vor einigen Wochen hat mich Karo plötzlich angeschrieben: "Ich war ja schon irgendwie manchmal ein Arsch."
Daraus ist eine Unterhaltung entstanden darüber, wie sie sich früher oft verhalten hat (verhalten musste; in ihren Augen damals und um nicht kaputt zu gehen), und wie wahnsinnig weh mir das oft getan hat.

"Mir kommt es irgendwie so vor als hätte ich dich zeitweise ziemlich ausgenutzt..." hat sie geschrieben, "nur genommen anstatt mal was zu geben, und das ist arschig."

Ich habe mich damals kaum getraut, so was selbst zu fühlen, geschweige denn auch mal auszusprechen. Stattdessen habe ich mir Karos Verhalten immer erklärt. Und das war ja auch richtig so, sie hatte ja immer ihre Gründe und hat das nicht getan, weil sie Spaß dran hatte - für sie war das alles, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen konnte. Das wusste ich auch damals schon. Und deshalb... naja, deshalb hab ich viel ausgehalten und mir eingeredet, dass es gar nicht alles so weh tut, wie es vielleicht getan hat. 

Karo hat diese Unterhaltung angefangen, nachdem sie alte Blogeinträge von mir gelesen hat. Das hab ich dann im Anschluss auch gemacht. Normalerweise mache ich das nie - eben weil es mir sehr schwer fällt zu sehen, wie viel ich weggesteckt habe und wegerklärt, ohne mir selbst die Gefühle zu erlauben, die ich eigentlich hatte. 

Hier zum Beispiel, Dezember 2014, "Nicht Bescheid wissen": 
In anderen Bereichen ist das schwerer. Ein Beispiel ist, dass Karo darüber gebloggt hat, dass sie mit ihrer Therapeutin über ihre Zukunft gesprochen hat, und über das Gespräch am Mittwoch (morgen) mit ihren Eltern.
Ich bin gerade sehr unruhig deswegen. Ihre Zukunft - das geht auch mich etwas an. Ich würde so, so gerne wissen, was sie besprochen haben.
Aber: Ich weiß ja auch, dass Zukunft für Karo ein ganz ganz schwieriges Thema ist. Es macht sie oft fertig, darüber nachzudenken. Und nicht zuletzt weiß ich, auch aus Erfahrung, dass Karo mir sagen wird, wenn es eine wichtige Entwicklung gibt. Diese Gedanken beruhigen mich. Ich weiß, dass ich Karo damit gut tue, wenn ich sie in Ruhe lasse, und dass sie mit mir reden wird, wenn sie 1. so weit ist und 2. der Bedarf da ist, ich also etwas wissen sollte (oder natürlich, sie einfach Lust dazu hat ;) ).

So ging es mir damals häufiger. Karo hat mir manchmal viel erzählt von sich, aber es gab auch sehr sehr oft Phasen und Momente, in denen ich kaum etwas von den wichtigen Dingen in ihrem Leben erfahren habe. Manchmal habe ich dann auf Umwege davon erfahren, zum Beispiel über so einen Blogeintrag. Oder sie hat Dinge nebenbei erwähnt, die mich wahnsinnig beschäftigt haben, ohne mir aber die Gelegenheit zu geben, mit ihr darüber zu sprechen.

Wie man aus dem Beispiel vom Blogeintrag sieht, habe ich vor allem mir zurechtgelegt, warum sie tut, was sie tut. Das war auch sehr wichtig für mich, denke ich, sehr richtig und sinnvoll. Aber nichtsdestotrotz hat es mir wahnsinnig weh getan, mich wütend gemacht und verletzt, und keine dieser Emotionen habe ich mir uneingeschränkt erlaubt. Erst recht keine Wut. Wütend? Ich? Nein, das war ich nie.
(Plot Twist: Ich war es doch. Und dass ich mir das nicht erlaubt habe, hat mir nur noch mehr weh getan.)

Auf dem Blog hier habe ich viel zurückgehalten. Die alten Beiträge zu lesen tut mir weh, weil ich zwischen den Zeilen den Schmerz erkenne, und wie sehr ich mich angestrengt habe, es absolut allen recht zu machen, worüber ich mich dann total vernachlässigt habe.

Ein paar Wochen nach der ersten Unterhaltung hat mich Karo besucht (zu einem unseren monatlichen Wochenendtreffen, die wir nach wie vor haben). Dort haben wir uns dann an einem Abend zusammengesetzt und ich habe ihr alte Briefe gezeigt, die ich an sie geschrieben habe wenn es etwas gab was ich ihr nicht sagen konnte, in der Hoffnung, dass irgendwann einmal ich dran bin, und sie auch meinen Schmerz aushalten kann.

Die Briefe sind alle in einem Buch. Der erste Eintrag ist vom 29. September 2014:
(...) Du brauchst mich zurzeit so sehr. Und seit ein paar Wochen oder Monaten habe ich, glaube ich, irgendwie den Clou raus, wie ich für dich da sein kann. (...) Aber das hat auch seinen Preis. Ich halte viel, viel mehr zurück als früher. Ich dränge dir keine Diskussionen und Gespräche mehr auf, wenn ich es irgendwie vermeiden kann. Aber das heißt eben auch, dass viele meiner Gedanken, Gefühle, Enttäuschungen, Sorgen... dass viel von dem für mich allein bleibt. Und das tut mir so weh und kostet viel Kraft. Ich kämpfe oft mit mir, weil ich das alles mit dir teilen, aber dich auch nicht belasten will. (...) Ich teile dir hier alles mit, wie es mir mit uns, mit unserer Beziehung geht, jeden Tag - zumindest hoffe ich das -, aber es belastet dich nicht und zerstört nicht den liebevollen Umgang momentan zwischen uns, der mich so glücklich macht. Aber wenn du stark genug bist, wenn du gesund bist - dann will ich dich aufholen lassen. Dann will ich dir zeigen, was ich dir jetzt alles nicht sagen kann. (...)"

 Über ein halbes Jahr lang habe ich immer wieder in das Buch geschrieben, wenn es Dinge gab, die ich Karo nicht direkt sagen konnte. Manchmal war ich sehr frustriert. Manchmal war ich sehr wütend - und hab mir das, in diesem Buch, endlich auch einmal erlaubt. Manchmal hat mir alles weh getan und ich war überfordert oder habe mir gewünscht, jemand anderen zu lieben, mit dem es vielleicht leichter wäre. Manchmal gab es auch gute Momente, in denen ich Karo ein bisschen in meine Probleme einweihen konnte und sie für mich da war.

An diesem Wochenende vor drei Wochen haben Karo und ich zusammen all diese Briefe durchgelesen und uns darüber unterhalten. Das war nicht immer leicht, für uns beide nicht, aber mir hat es auch wahnsinnig gut getan. Ich hatte es mir immer gewünscht und immer darauf gehofft, dass Karo eines Tages bereit wäre, mit meinem Schmerz von damals umzugehen. Aber in vielen Momenten habe ich nicht wirklich daran geglaubt.

In letzter Zeit geht es uns aber wahnsinnig gut zusammen, schon seit so vielen Monaten. Und deshalb war jetzt auch mal die Gelegenheit da, alte Wunden aufzugreifen und noch mal anzuschauen.

Wie Karo an dem Wochenende war, und wie wichtig das für mich war, lässt mir auch jetzt noch mal Tränen in die Augen steigen. Durch den direkten Vergleich mit ihrem früheren Verhalten ist mir so deutlich aufgefallen, an was für einem besseren Punkt wir jetzt so langer Zeit sind und wie weit wir uns weiterentwickelt haben - jede für sich, aber auch zusammen als Paar.
Karos ganze Aufmerksamkeit einfach bei mir zu haben und sie ganz für mich da sein zu sehen, in einem Bereich der sie eigentlich so persönlich betrifft und wo sie ja auch große Schuldgefühle haben könnte - das war so heilend. Dass wir so ernsthaft über unsere damaligen Probleme reden konnten und ich so sehr angenommen war. Für all das bin ich unglaublich dankbar.

Und es hat auch wirklich gut getan zu sehen, wie viel Weg wir zurückgelegt haben in den viereinhalb Jahren unserer Beziehung. Zwischen diesen schlimmen Momenten damals und heute liegen wirklich Welten. Auch damals gab es gute Zeiten, natürlich. Aber insgesamt weiß ich auch, dass ich wahnsinnig viel ausgehalten habe.
Und heute ist das einfach anders. Natürlich gibt es nach wie vor Dinge, die mich auch mal belasten. Wir streiten manchmal oder unterhalten uns sehr emotional über etwas, was eine von uns verletzt hat. Aber wir können das halt mittlerweile. Wir wissen beide viel besser, wie wir miteinander und mit uns selbst umgehen können, und deshalb ist unsere Beziehung um so viel gesünder.

Wir haben beide echt so viel zurück gelegt. Ich bin wahnsinnig stolz auf uns. Und ziemlich happy. :)

Dienstag, 3. Oktober 2017

50 Fakten über mich

Karo und ich haben uns überlegt (okay, zugegeben, hauptsächlich war sie das), dass wir auf unseren Blogs gerne mal mehr über uns schreiben würden. Wir erzählen hier sehr viel von unseren jeweiligen Themen (sie von ihren Krankheiten und Therapie, ich von unserer Beziehung und wie sie dadurch beeinflusst wird), aber es gibt noch sehr viel mehr zu uns beiden.

Hier sind also 50 Fakten über mich:
  1. Ich will gerade Pizza. Oder Döner.
  2. Ich will immer alles perfekt machen (und deshalb fällt mir kein zweiter Punkt ein).
  3. Ich liebe es Podcasts anzuhören.
  4. Mein liebster Podcast ist Dear Hank and John. Mein zweitliebster ist Psychobabble.
  5. Der Great British Bake Off ist eine absolut tolle Fernsehshow.
  6. Ich kann es kaum erwarten mit Karo zusammenzuziehen und dann YouTube auf dem Fernseher ansehen zu können.
  7. Ich bin schlecht in Videospielen.
  8. Ich liebe Videospiele.
  9. Ich bin schlecht im Tanzen, ich krieg das nie koordiniert.
  10. Ich liebe tanzen.
  11. Manchmal schaue ich eine ganze Stunde lang Tanzvideos auf YouTube und bewundere die Menschen, die das so gut können.
  12. Ich schaue viel YouTube.
  13. Ich schaue nie fern.
  14. Ich habe schon immer gern gelesen.
  15. Zurzeit lese ich fast nur fanfictions. Die sind toll aus zehntausend Gründen und ich werd sie alle verteidigen.
  16. Ich schreibe fanfictions.
  17. Ich habe insgesamt 480 Likes bei meinen Fanfictions und bin verdammt stolz drauf.
  18. Ich mag Englisch sehr gern und schreibe, lese und höre es mehrere Stunden am Tag.
  19. Als Kind habe ich in mein Tagebuch geschrieben, dass ich irgendwann so gut Englisch wie Deutsch können will.
  20. Manchmal fallen mir deutsche Wörter nicht ein aber englische schon, oder ich verwechsel die Grammatik.
  21. Ich weine viel.
  22. Ich werde immer besser darin zu spüren und zu zeigen, wie es mir geht.
  23. Als ich das erste mal verliebt war, war ich 14.
  24. Als ich das erste mal wusste dass ich verliebt war (und mir klar wurde dass ich Frauen mag), war ich 15.
  25. Ich bin bisexuell.
  26. Ich habe erst vor kurzem beschlossen mich als bisexuell zu identifizieren, davor habe ich lange Zeit lesbisch gesagt, und erst in den letzten zwei Jahren gemerkt dass ich auch Männer attraktiv finde.
  27. Die Person in die ich das erste Mal verliebt war, hat mich bei meinen Eltern geoutet.
  28. Meine Eltern sind wundervoll und das sage ich nicht nur, weil meine Mama das hier lesen wird :)
  29. Ich bin in allen Bereichen meines Lebens geoutet.
  30. Meine Großeltern tun sich wohl sehr schwer damit, und ein paar meiner Onkel auch. Das tut manchmal weh.
  31. Als die Ehe für Alle befürwortet wurde, habe ich geweint.
  32. Ich finde Politik sehr wichtig.
  33. Ich bin sehr froh, dass ich mit Freunden, Familie und besonders auch Karo über Politik diskutieren kann.
  34. Um die neuesten Nachrichten mitzubekommen, benutze ich die SZ-App.
  35. Ich habe ein Fairphone.
  36. Nachhaltigkeit, faire Produktion und Ökologie sind mir wichtig.
  37. Ich koche gerne.
  38. Als ich ausgezogen bin konnte ich die Basics kochen, und so richtig habe ich es dann zusammen mit einer meiner besten Freundinnen gelernt, mit der ich zusammengezogen bin.
  39. Ich habe vier beste Freundinnen. Mit zwei von ihnen bin ich 13 Jahre befreundet, mit den anderen beiden 10.
  40. Meine Freunde sind mir unglaublich wichtig. Ich weiß dass sie immer da sein werden und absolut hinter mir stehen, so wie ich auch für sie.
  41. Dadurch dass ich Fan englischer YouTuber bin, habe ich viele Internetfreunde aus unterschiedlichen Ländern.
  42. Im April bin ich nach Amsterdam gereist, um dort einen der für mich wichtigsten YouTuber zu treffen.
  43. Ich habe mir ein Paar Socken gestrickt und will das wieder tun.
  44. Ich fahre oft mit dem Fahrrad zur Uni.
  45. Ich studiere Psychologie, momentan im 3. Mastersemester.
  46. Meine gesamte Verwandtschaft lebt sehr nah in der Heimat. Mit Karo zusammenzuziehen nächstes Jahr, so weit weg davon, ist ein großer Schritt für mich.
  47. Ich arbeite noch daran, meine eigenen Gefühle gut wahrzunehmen, ernst zu nehmen und zu versorgen.
  48. Ich habe Linux auf meinem Computer und interessiere mich für technische Dinge. Für das Verhältnis meines Bekanntenkreises kenne ich mich sehr gut aus, im Vergleich zu echten Informatikern oder so quasi gar nicht.
  49. Ich bin manchmal recht stur und lerne gerade über mich, dass ich doch auch mal sehr schnell wütend werden kann. Also vielleicht doch kein so untypischer Widder.
  50. Mit Menschen zu arbeiten bereitet mir unglaublich viel Freude.
Das hat Spaß gemacht! Und ging so schnell! Mir würden noch 50 mehr einfallen!

Wir haben alle unsere Geschichten, und hier erzähle ich einen Teil meiner Geschichte aus einem speziellen Bereich meines Lebens. Aber es gibt viele weitere Dinge die jeden von uns ausmachen.
Immer wieder bekomme ich Kommentare von Menschen in Beziehungen mit meistens Borderlinern, die oft sehr belastet sind. Ich selbst bin auch manchmal belastet. Gerade in solchen Momenten kann es sehr wichtig und hilfreich sein sich bewusst zu machen, was sonst noch alles im Leben zählt – und wenn es sehr schwer fällt, 50 Dinge zu finden, am besten daran zu arbeiten, diese Bereiche mal auszuarbeiten. Niemand ist nur seine Beziehung.

Es ist auch nicht immer alles so ernst wie die Themen hier auf diesem Blog. Ich hoffe, das hat ein bisschen Leichtigkeit reingebracht und zeigt euch, wer ich sonst noch bin! :)


Und hier sind 50 Fakten über Karo!

Dienstag, 25. Juli 2017

Selbstfürsorge als Angehörige

Manchmal, als Angehörige, da fühl ich mich recht alleine. Ich finde es schwierig, Menschen zu finden, mit denen ich gut über alle meine Gefühle reden kann. Karo als meine Partnerin versteht die Themen vielleicht, aber so gut passt das auch nicht immer. Andere Menschen, wie Freunde und Familie, sind zwar ebenso sofort bereit mich komplett zu unterstützen und mir zuzuhören, aber vielleicht manchmal geschockt von dem was ich erzähle, oder lösen in mir das Gefühl aus, dass ich Karo verteidigen und die Probleme herunterspielen muss. Das ist alles nicht besonders ideal.

Vor einer Weile war ich bei zwei Abenden für Angehörige von psychisch und chronisch Kranken, angeboten von einer Uni-Gemeinschaft. Das war in vielerlei Hinsicht sehr wunderbar.

Am ersten Abend haben wir uns gegenseitig ein bisschen vorgestellt, und dann viel über unsere Rollen gesprochen. Ich bin Partnerin, aber was bin ich noch? Manchmal bin ich praktische Unterstützung, manchmal bin ich eine Schulter zum Ausweinen. Wie fühlen wir uns in diesen Rollen?
Wir kamen alle aus sehr unterschiedlichen Situationen, und trotzdem konnten wir sehr viele dieser Rollen und die verbundenen Gefühle gut nachvollziehen.
Wir haben auch für uns selbst eine Timeline der Erkrankung des Angehörigen und parallel unseres restlichen Lebens aufgestellt. Das fand ich total spannend, weil es mir gezeigt hat, wie viel in sehr kurzer Zeit passiert ist, und wie verständlich es ist, dass vieles davon sehr schwere Zeiten für mich waren.

Eine Woche später ging es vor allem um Selbstfürsorge. Ob man sich verantwortlich fühlt, und wenn ja, wie viel davon angebracht ist. Was man sich selbst eingestehen kann.
Bei vielem davon hatte ich das Gefühl, dass ich da schon sehr weit gekommen bin, was ein schönes Gefühl war. Ich habe in den letzten Jahren viel dazu gelernt, mich selbst als erste Priorität zu sehen und darauf zu achten, dass ich mich um mich selbst kümmere. Da bin ich echt stolz drauf.

Von beiden Abenden habe ich vor allem das Gefühl mitgenommen, wie es ist, einfach verstanden zu werden. Ich konnte Dinge sagen, die andere geschockt hätten, ohne sie groß erklären zu müssen - weil alle anderen auch Geschichten haben, die andere schocken würden. Trotz unserer so unterschiedlichen Erlebnisse haben wir immer wieder einfach nur zustimmend genickt und so viel austauschen können.
Oft gibt es auch sehr zwiespältige Gefühle, finde ich, als Angehörige. Zum Beispiel hat eine Tochter eines krebskranken Vaters erzählt, dass sie sich manchmal einfach ein Ende wünscht, weil es so schwer ist dieses ständige Leid mitzuerleben - aber natürlich will sie nicht, dass er stirbt. Sie will nur, dass es leichter wird. Das hab ich in anderen Bereichen total gut verstanden, und auch viele andere, so wie es ausgesehen hat. Diese komplexen Situationen sind oft so schwer zu beschreiben, und manchmal fühlt man sich schuldig für Gefühle die man hat oder will nicht davon erzählen, weil man nicht missverstanden werden möchte. In diesem Rahmen ist das aber so einfach möglich, weil alle wissen wie komplex unsere Situationen sind, und was so ein Wunsch bedeutet und was eben auch nicht.

Ich habe mich in der Gruppe einfach sehr geborgen und verstanden gefühlt, und das hat unglaublich gut getan. Als Angehöriger ist man oft an der Seite und will die eigenen Probleme nicht in den Vordergrund stellen, gleichzeitig steckt man aber auch in vielen wirklich schwierigen Situationen. Ich bin sehr dankbar für solche Austauschmöglichkeiten und kann jedem raten, solche Gelegenheiten zu ergreifen! Es kann echt Wunder wirken, wenn jemand einfach weiß, ohne dass man viel erklären muss.

(Ein bisschen habe ich ja immer gehofft, das mit diesem Blog zu schaffen. Zu zeigen: Du bist nicht allein, mir geht es auch so. Und vielleicht eben selbst zu sehen, dass andere genau verstehen wie es mir geht. Falls du jemand bist der aus diesem Grund mitliest würde ich mich total über einen Kommentar freuen!)