Donnerstag, 18. Juni 2015

Vertrauen.

"Das wichtigste in einer Beziehung ist gegenseitiges Vertrauen."
So oder so ähnlich habe ich den Satz schon unzählige Male gelesen oder gehört. Wenn man sich gegenseitig nicht vertraut, wird das als absoluter Beziehungskiller angesehen.
Eine einzige weitere Information kann bei vielen Menschen diese Einstellung aber komplett ändern. Besonders, wenn diese Menschen einmal in einer Beziehung mit einer Person mit Borderline-Störung waren.
Von diesen Menschen höre ich nämlich nicht mehr, dass ich meiner Freundin vertrauen soll. Da höre ich plötzlich das Gegenteil. Menschen schieben mir ihre Ratschläge mitten ins Gesicht und bemitleiden mich, weil ich naiverweise ihre Meinungen nicht teile. Ohne mich, meine Freundin oder meine Situation im geringsten zu kennen - außer der Information, dass meine Freundin Borderline hat - wissen diese Personen hundertprozentig, dass Karo mich manipuliert, durchgängig verarscht, ich ihr aufgrund der Entfernung sowieso nichts glauben kann weil sie ja leichtes Spiel hat, und das alles eben so ist.
Sobald ich mein Vertrauen in Karo rechtfertige, darf ich lesen, dass Karo mich ja total in der Hand hat. Dass ich noch nicht so weit sei, die Wahrheit zu sehen. Dass diese Personen wissen wovon sie reden. Sie haben ja selbst eineinhalb Jahre/7 Jahre/ihr unendlich trauriges Leben lang unter einer Borderline-Person gelitten.
Gelitten, ja.
Sie wollen mich ja nur warnen.
Warnen.
Ich soll da raus, so lange ich noch kann.
Und wenn ich anfange mich aufzuregen, weil ich das nicht wollte, weil ich keine Ratschläge (die auch Schläge sind!) und Manipulierungsaufdeckungen und Warnungen wollte, sondern Verständnis und Empathie und guten Zuspruch und Hoffnung, stellt man fest, dass ich eben noch nicht bereit bin. Und redet dann über meinen Kopf hinweg. "Der Ausbruch der TE zeigt ja klar, wie sehr ihre Partnerin sie in der Hand hat."
KOTZ!
Natürlich, ich kann versuchen zu verstehen. Diese Personen haben schlimme Erfahrungen gemacht. Wer so eine Meinung hat, dem hat seine Beziehung massiv geschadet. Der hat es nötig, sich stark davon abzugrenzen. Der hat gelernt, für sich.
Die Kommentare sind nicht mal böse gemeint, bestimmt. Die Warnungen freundlich.
Aber trotzdem ist das nicht das, was ich brauchen kann. Nicht das, was ich aushalte.
Und nicht das, was akzeptabel ist. Meinungen sind in Ordnung. Aber ein abgeschlossenes Urteil über zwei Menschen und eine Beziehung, von der man - wenn überhaupt! - nur Bruchstücke weiß, geht über diese Grenze weit hinaus.
Ich habe meine Gründe, warum ich Karo vertraue.
Trotz Borderline, oder, wie ich gestern in dieser (Online-)Diskussion geschrieben habe: Vielleicht gerade deswegen.
Zunächst mal: Ich weiß, dass es für Karo nicht leicht ist, mit ihren Gefühlen offen umzugehen. Auch mir gegenüber. Manchmal vielleicht gerade mir gegenüber.
Ich weiß, dass es Situationen gab und wahrscheinlich wieder geben wird, in denen Karo mir nicht gleich etwas gesagt hat, was ich wissen möchte. In denen sie mich sogar angelogen hat.
Zum Beispiel: Am Anfang unserer Beziehung hat sie mich gefragt, was ich vom Rauchen halte. Ich habe meine ablehnende Meinung sehr deutlich gemacht ;) Was ich dann direkt gemerkt habe, war ihre zurückhaltende Antwort, und wie sie auch dann zugegeben hat, raucht sie eben selbst. Das war halt ein Fettnäpfchen meinerseits. Bei näherem Nachfragen hat Karo mir dann erzählt, dass sie nicht so viel raucht, nicht mal täglich. Erst bei einem kürzlichen Gespräch ist mir das zufällig wieder eingefallen, nachdem sie erzählt hat, dass sie schon länger täglich mehr als eine Zigarette raucht.
Das ist jetzt eine Situation, wo Karo mich eben angelogen hat. Aber: Die Sache ist die, dass ich ihre Motive verstehen kann. Für Karo ist es unglaublich schwierig, anderen Menschen zu vertrauen, und ihre Gefühle offen zu zeigen - Teil der Borderline-Störung! Sie hatte Angst vor Ablehnung, als sie ihren Zigarettenkonsum etwas "verschönert" hat, nach meiner stark negativen Reaktion.
Klar wäre es mir lieber, das wäre nicht so. Aber so etwas zu akzeptieren gehört für mich zu dieser Beziehung dazu, und ist in so einem Rahmen auch in Ordnung. Nicht, dass ich es gerne sehe! Aber ich weiß, dass Karo das nur macht, wenn ihr alles sehr unangenehm ist und sie sich nicht anders zu helfen weiß, und wenn sie weiß, dass sie mir damit nicht ernsthaft schadet.
Und gerade mit der Diagnose Borderline ist es doch wichtig, dass ich Karo zeige, dass ich ihr vertraue und sie nicht verurteile, unabhängig davon, welche Gefühle sie mir zeigt. Ihr das nicht zur zeige, sondern das auch fühle.
Warum ich trotz solcher kleinen Lügen, oder Situationen in denen Karo mir für meinen Geschmack deutlich zu spät etwas wichtiges erzählt hat, Karo immer noch vertraue, hat aber auch Grund und Boden: Sie beweist mir immer mal wieder, dass mein Vertrauen gerechtfertigt ist.
Karo hat mir einmal mehrere Wochen lang etwas nicht erzählt, was für mich sehr wichtig zu wissen war. Ich war wütend, dass sie das so lange nicht gesagt hatte, und ich bin auch nicht bereit, so etwas generell zu akzeptieren. Aber was für diese Geschichte hier wichtig ist: Karo hat es mir trotzdem irgendwann gesagt. Ohne dass sie aufgeflogen wäre. Ohne dass sie gemusst hätte. Sondern, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte. Weil sie wusste, dass es mir wichtig ist. Trotz ihrer Angst vor meiner Reaktion hat sie mir das nach so langer Zeit noch anvertraut, aus vollkommen eigener Entscheidung. Sie hätte das nicht gemusst. Und meine Reaktion war sicher kein Grund dafür, dass sie das gerne getan hätte.
Solche Situationen gibt es immer wieder. Karo erzählt mir Dinge und redet mit mir über Sachen, die ihr furchtbar unangenehm sind. Aber sie weiß, dass ich sie wissen will.
Der Hauptgrund, warum ich Karo so fest vertraue, ist, was ich an ihren Gefühlen für mich sehe. Ich sehe wie sie sich freut, wenn sie mich glücklich macht. Wenn sie stattdessen das Gefühl hat, dass sie mir mit irgendetwas weh tut, sehe ich, wie ihr das schlechte Gewissen wahrscheinlich fast körperlich weh tut. Sobald es wichtig ist, stellt sie mich vor sich selbst. Uneingeschränkt. Ob sie kann oder nicht.
Darin vertraue ich ihr. Bedingungslos.
Und deshalb weiß ich, dass Karo mir gegenüber immer so weit ehrlich ist, wie es für sie nur irgendwie geht. Weil sie weiß, wie wichtig mir das ist. Und weil sie das für mich macht.
Und... nicht zuletzt spüre ich auch recht oft, wann irgendwo die Wahrheit ein kleines bisschen verzerrt ist oder ich irgendetwas nicht gesagt bekomme, was eigentlich in Karos Kopf vorgeht. ;) Wir kennen uns so gut, dass ich auch zwischen den Zeilen und Worten lesen kann. Ich weise dich nie drauf hin, Karo, wenn ich das Gefühl habe, ich kann es verstehen und auch ohne deine direkten Worte aushalten.
Denn ich weiß, du wirst mir sagen was du mir sagen musst, wenn du es kannst. Und ich weiß, du gehst an deine Grenzen und darüber hinaus, um das zu tun.
Und deshalb vertraue ich dir.
Und das habe ich den ach-so-schlauen Leuten voraus: Ich kenne mich, ich kenne Karo, und ich kenne meine Beziehung. Ich weiß, worüber ich urteile.
Ihr nicht.
Also Klappe.
Nachtrag: Karo selbst hat nun auch über das Thema aus ihrer Sicht gebloggt. Sehr stark und spannend!

Kommentare:

  1. Hey, dankeschön. Und sorry, dass ich verschwunden bin. Die Woche war krass. Ich antworte auch noch auf die Email :)

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