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Dienstag, 24. Januar 2017

Anleitung zum Glücklichsein (in einer Borderlinerbeziehung)

Mit diesen Suchbegriffen kommen die meisten Besucher auf meinen Blog und weiter auf diesen Beitrag. Für allem für euch verfasse ich heute diesen Blogpost:
Wie ich nach fast vier Jahren Beziehung mit einer Borderlinerin glücklich mit ihr bin.
(Auch wenn ich von BorderlinerIN spreche, ich denke, dass es auf die Menschen der anderen Geschlechter genauso zutrifft. 😊)

Die wichtigsten Nachrichten zuerst:
Du kannst mit deiner Borderlinerin glücklich sein.
Ihr könnt lange zusammen glücklich sein, und eine gesunde Beziehung führen, die euch beiden gleich viel gibt.
Die Diagnose Borderline bei deiner Partnerin bedeutet nicht, dass sie dich betrügen, belügen oder manipulieren wird. Ich sag nicht, dass sie das ganz bestimmt nicht tut, aber viele Borderliner sind ehrlich und treu, auch wenn das Klischee etwas anderes sagt.

HOW TO – Wie geht das jetzt?
Alles was ich habe, ist meine persönliche Erfahrung. Ich kann nur sagen, dass ich glücklich mit meiner Partnerin bin, und dass ich die folgenden Sachen als wichtig dafür empfinde. Ob sie bei euch genauso wichtig sind, oder ob das ausreicht? Das müsst ihr selbst herausfinden.

1. Deine Gefühle sind wichtig.

Gerade als gesunde Partnerin kann es schnell passieren, dass man die eigenen Gefühle hinten anstellt und die der Borderlinerin wichtiger nimmt. Deine Gefühle zählen aber genauso viel, und für dein eigenes Leben sogar mehr. Du bist die wichtigste Person in deinem Leben! Ja, du. Nein, nicht deine Partnerin. Du allein. Und deshalb hast du das Recht – und die Pflicht! - deine Gefühle auch als das Wichtigste zu behandeln. Nur, weil du vielleicht weniger intensiv fühlst, haben diese Gefühle nicht weniger Daseinsberechtigung.
Wenn du dich selbst ständig unterordnest, wirst du nicht glücklich und zufrieden werden. Das führt nur dazu, dass du irgendwann frustriert bist, auch wenn du in diesem Moment gerade denkst, du könntest es gut aushalten und es wäre die beste Entscheidung. Auch für deine Partnerin ist es nicht gesund, wenn du nicht auf dich selbst achtet. Sie kämpft schon genug damit, ihre eigenen Gefühle als wichtig anzunehmen und mit ihnen umzugehen. Dass du dich selbst nicht ernst genug nimmst, ist etwas, was weder du noch sie brauchen könnt.
Die Gefühle von dir und deiner Partnerin sind gleich wichtig, und sie zählen nicht mehr, nur weil ihr bestimmte Diagnosen habt oder nicht habt.
Erlaube dir, zu fühlen was du fühlst. Vergleiche das nicht mit deiner Partnerin. Du zählst für die Person, die du bist. Und gib deinen Gefühlen einen Raum. Tu das, was für dich wichtig ist. Das ist dein Recht.

2. Du bist nicht für die Entscheidungen und die Gesundheit deiner Partnerin verantwortlich.

Deine Partnerin ist ein erwachsener Mensch. Oder zumindest auf dem Weg dorthin. Warum glaubst du, du hast das Recht, ihr ihre Eigenständigkeit wegzunehmen?
Ja, es mag schwer für dich sein, zum Beispiel Selbstverletzungen deiner Partnerin mitzuerleben. Du magst vielleicht sehen, dass manches Verhalten von ihr ungesund ist und ihr auf lange Sicht weh tun wird, und du willst das verhindern, weil sie dir am Herzen liegt. Du willst sie glücklich machen und ihr etwas von ihrem Schmerz nehmen.
Aber das ist nicht deine Aufgabe. Du sollst, und du musst, dich nicht für die Entscheidungen deiner Partnerin schuldig fühlen. Und du bist nicht die Person, die sie heilen wird. Auch niemand anderes wird das tun. Das ist allein ihre Aufgabe.
Wenn du deiner Partnerin sagst, was sie tun soll und was nicht, dann nimmst du ihr gerade das, was ein Teil ihres gesunden Verhaltens ist: Für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Das gehört zu uns allen als erwachsene Menschen dazu, und das ist eine gute Eigenschaft. Du hast nicht das Recht, Entscheidungen für deine Partnerin zu treffen, sie zu „erziehen“, selbst wenn du findest, dass ihre eigenen Entscheidungen nicht gut für sie sind.
Und auch du selbst sollst dir das nicht antun. Du entscheidest nicht, dass sie sich selbstverletzt. Du bist nicht Schuld. Es ist nicht in deiner Verantwortung, sie davon abzuhalten oder sie zu retten. Du musst dich nicht schlecht fühlen, nur weil sie sich schlecht fühlt. Ihre Entscheidungen, ihr Leben, ihre Gefühle – deine Entscheidungen, dein Leben, deine Gefühle. Ihr wollt euer Leben miteinander teilen, aber ihr müsst nicht eure Gefühle füreinander fühlen.

3. Redet miteinander – aber überfallt euch nicht.

Offene Gespräche sind in jeder Beziehung wichtig. Das ist nicht anders, wenn (mindestens) eine Borderlinerin involviert ist.
In manchen Beziehungen mit einer Borderlinerin kann das Angst machen. Sie mag impulsiv reagieren, sofort sehr abwehrend sein und sich gegen dich stellen, oder bei sich selbst die Schuld sehen, wenn du etwas ansprichst was dir wichtig ist. Trotzdem, oder gerade deswegen, ist es sehr wichtig, dass ihr über eure Beziehung miteinander sprecht. Du darfst ihr sagen, was dich stört und was du brauchst, und sie darf das genauso tun.
Hilfreich kann dabei sein, so ein Gespräch vorher anzukündigen. „Es gibt etwas, was mir zurzeit schwer fällt in unserer Beziehung. Ich möchte gern darüber reden. Wann hast du dafür mal Zeit?“ Vielleicht kannst du auch das grobe Thema schon nennen, oder dazu sagen, dass du nicht vor hast Schluss zu machen (es sei denn, du hast das 😉). Zusammen einen Zeitpunkt auszumachen gibt euch beiden die Gelegenheit, euch gedanklich darauf vorzubereiten und euch Zeit füreinander zu nehmen. Da ist die Chance auf ein ruhiges Gespräch viel größer.
Dabei ist es auch wichtig, dass du deine Themen nicht ewig lange versteckt hältst, bis sie riesengroß und plötzlich ganz wichtig sind und aus dir herausplatzen, und deine Partnerin total überfordern. Wenn du immer so tust als ob nichts wäre, und dann auf einmal sagst dass es etwas gibt was total schlimm für dich ist, na, klar ist da deine Partnerin erschrocken! Auch wenn du Angst vor der Auseinandersetzung hast, die durch das Gespräch entstehen könnte und möglicherweise sehr hitzig wird – es ist besser, wenn du frühzeitig sagst, was los ist.
Außerdem: Ihr habt beide das Recht darauf, eine gesunde Gesprächskultur zu haben. Auseinandersetzungen machen Angst, aber für Borderliner ist es bestimmt auch schön zu sehen, dass man unterschiedliche Meinungen haben kann, und trotzdem zueinander steht.

4. Respektiere deine Partnerin, und erwarte Respekt von ihr.

Die Gefühle deiner Partnerin sind echt. Auch wenn du sie nicht verstehen kannst, auch wenn sie dir intensiv erscheinen. Ihre Handlungen haben Gründe, die aus ihrer Sicht total gerechtfertigt sind. Sie ist nicht verrückt und macht total komische Sachen – sie hat ihre eigenen Begründungen für ihr Tun, und wenn sie dir das erklären kann, wirst du es wahrscheinlich auch verstehen. Begegne ihr also mit Respekt.
Genauso hast auch du Respekt verdient. Du darfst Grenzen setzen (genauso, wie sie das darf) und auf diesen beharren. Wenn es etwas gibt, was für dich gar nicht geht, dann musst du dir das nicht gefallen lassen, nur weil deine Partnerin eine bestimmte Diagnose hat. Bonuspunkte gibt‘s, wenn ihr eure Grenzen klar kommuniziert. :)
Respekt bedeutet auch, dass ihr eure gegenseitigen Anstrengungen anerkennt. Das hier sind alles Tipps für dich als Partnerin und Erwartungen daran, wo du an dir arbeiten sollst um die Beziehung gelingen zu lassen. Behalte im Kopf, dass deine Partnerin mindestens genauso viel investiert, um die Beziehung für euch beide gut zu gestalten. Sich darüber zu unterhalten, welche Anstrengungen ihr beide unternehmt und die dann gegenseitig anzuerkennen kann euch beiden gut tun.

5. Gönnt euch gegenseitig Freiräume.

Bei Borderlinern kochen Gefühle häufig hoch. Manchmal kann es hilfreich sein, wenn deine Partnerin sich dann zurückzieht und ihre eigenen Skills anwendet, um mit den Gedanken und ihrem Gefühlschaos klarzukommen. Gib ihr diesen Freiraum. Danach ist die Stimmung bestimmt ruhiger, und ihr könnt klarer miteinander sprechen.
Auch du hast Freiräume verdient. Wenn sich deine Partnerin zurückzieht, respektiere das – und nutze die Gelegenheit, um etwas für deine eigenen Gefühle zu tun. Und auch, wenn sie sich nicht von sich aus zurückzieht, aber du etwas Platz brauchst: Nimm dir das. Erklär ihr was los ist, und dass du zurückkommst, aber Pause brauchst, und mach Pause. Tu das, was du selbst gerade brauchst.
Ihr beide habt es verdient, euch einfach mal um euch selbst zu kümmern.


Oft wird davon gesprochen, dass Borderliner ganz normale Gefühle haben, nur eben viel viel intensiver. Ich finde, das gleiche trifft auf diese Tipps zu. All das was ich genannt habe, ist in jeder Beziehung hilfreich, um sie gesund zu halten. In einer Borderlinerbeziehung sind sie meiner Erfahrung nach nur eben noch etwas wichtiger.

Die ersten zwei Jahre in unserer Beziehung waren nicht leicht. Ich habe all das erst lernen müssen. Meine Partnerin hat ihre eigenen Lektionen lernen müssen. Wir haben viele Höhen, aber auch viele Tiefen gehabt, und haben uns ein paar Mal fast getrennt. Wir sind nicht immer gesund miteinander umgegangen und haben vieles falsch gemacht.
Aber wir haben es gelernt. Und wenn ich jetzt mit anderen Paaren rede, die länger als wir zusammen sind – selbst mit meinen Eltern! -, dann sind diese Dinge genau das, was auch sie lernen müssen, um sich gegenseitig gut zu tun und miteinander glücklich zu sein.
Wir haben es vielleicht viel früher und schneller und auf eine härtere Art gelernt als andere. Es gibt auch mit Sicherheit noch vieles, was wir noch lernen müssen und woran wir arbeiten werden. Aber ich fühle mich unabhängig, stark, glücklich und gehalten in meiner Beziehung. Karo sieht mich und unterstützt mich, und der gegenseitige Respekt füreinander ist riesig. Wir lernen immer noch, offen miteinander zu reden, aber wir können es auch schon wirklich gut. Dass Karo Borderline hat ist ein kleiner Nebenaspekt in unserer Beziehung geworden, an den ich kaum noch denke. Wir gehen einfach nebeneinander durchs Leben, helfen uns gegenseitig unsere eigenen Lebenslektionen zu lernen und stehen füreinander ein.
Früher dachte ich in manchen schwierigen Zeiten, dass unsere Liebe den Schmerz schon wert ist. Heute weiß ich, dass ich mir diesen Schmerz nicht zufügen muss und die Liebe trotzdem haben kann.

Deine Partnerin, dein Partner, hat viele Herausforderungen im Leben. Wenn sie oder er Therapie macht, kann das auch euch beiden helfen (und für mich und Karo war es bestimmt auch sehr zentral, dass sie so sehr an sich selbst gearbeitet hat).
Komplett unabhängig davon ist es aber für eine gesunde Beziehung wichtig, dass auch du die Beziehung gesund hältst. Nimm dich selbst wichtig. Du bist es. Und mach dich selbst glücklich. Du hast es verdient.



Hier gibt's den Post auch noch in English :)

Montag, 13. Juni 2016

Einfach das richtige tun.

Karo hat heute in einem Blogpost (den ich übrigens sehr empfehlen kann, zum Thema BeHindernisse) etwas dazu geschrieben, wie Nicht-Betroffene oft sehr unpassend mit Menschen mit psychischen Krankheiten umgehen. Sie hat ein paar Dinge genannt, die sie falsch finden würde, und Dinge, die ihr wichtig sind. 

"Seit einfach da für uns, unterstützt uns und drängt uns nicht zu Dingen, die wir vielleicht im Moment nicht können. Ihr könnt trotzdem wie früher normal mit uns umgehen, denn wir sind immer noch die Gleichen."

Einfach normal mit der Person umgehen. Einfach da sein, einfach keine blöden Dinge sagen, einfach unterstützen, einfach nicht drängen.
All das macht Sinn, all das ist richtig und wichtig - aber all das ist nicht unbedingt einfach, wenn man nicht viel mit psychischen Krankheiten zu tun hatte.

Für mich war es nicht einfach zu lernen, das richtige zu machen. Und auch jetzt noch, nach drei Jahren, weiß ich manchmal nicht, wie ich reagieren soll und was ich tun kann/darf/soll, und was nicht. (Das ist auch okay so, Unsicherheiten in sozialen Kontakten werden glaub ich in jeder Situation immer da sein, weil Menschen sich ständig verändern. Aber besser darf es werden. Ist es auch. :) )

Als jemand, der vorher nie eng mit Menschen zu tun hatte, die Depression, soziale Ängste, Trauma, Borderline oder weiteres haben, habe ich oft kaum gewusst, was ich machen sollte.
Wann soll ich nachfragen? Wann darf ich auf weitere Erklärung bohren? Wie erkenne ich, wo ich wirklich Abstand nehmen soll? Warum ist Karo so anders als ich es mir gedacht hätte, als ihr Opa stirbt? Wie oft darf ich ein Thema von mir aus ansprechen? Welche Ausdrücke sind tabu, weil sie weh tun? Welche Fragen sind anmaßend?
Wie fühlt es sich an, nichts mehr zu fühlen? Was genau ist eine Panikattacke? Wann tut körperlicher Schmerz weniger weh als psychischer? Warum sind manche Sachen, die ich sage, etwas, das so viel kaputt macht?
Wann darf ich sagen; tu das nicht? Wie zeige ich meinen Schmerz am besten? Wie viel Schmerz steht mir denn überhaupt zu? Was darf ich für mich verlangen? Was kann ich erwarten? Wie viel darf ich mir erlauben?
Wie um alles in der Welt sage ich "in meiner Brust tut etwas ganz ganz stark weh wenn du sagst wie sehr du dich hasst, aber ich weiß nicht ob ich dir sagen soll dass ich dich liebe oder ob ich dann wie ein Arschloch klinge und ich versteh doch nicht wie sich das anfühlt, aber es tut mir weh und ich hab keine Ahnung was ich sagen soll, aber nichts sagen ist auch keine Option"?
Was sagt man, wenn die Partnerin sich selbst verletzt?
Was tut man, wenn man Angst hat, dass sie stirbt?
Wie paranoid darf man sein?
Wie fragt man "lebst du noch" und meint es ein bisschen ernst?
Wie merkt man, wo man nachhakt, und wo man besser still ist?
Welches "mir geht es gut" stimmt, und welches ist eine sehr zurechtgebogene Wahrheit?
Wann kann ich selbst merken dass etwas nicht okay ist, und wann frage ich?
Wie viel kann man falsch machen, bis es zu viel ist?
Wo steht, was richtig ist?

Mit so viel Schmerz und dunklen Gefühlen eines Menschen umzugehen, den man liebt, das ist nicht leicht.
Man will nichts mehr, als das richtige tun. Etwas besser machen. Gut tun.
Normal umgehen. Das ist leichter gesagt als getan. Wenn man mit Dingen konfrontiert ist, mit Gefühlen die man so nicht kennt, dann weiß man nicht, was normal ist. So tun als ob nichts wäre? Blödsinn, es ist nämlich was. Mit Samthandschuhen anfassen? Dass das nicht richtig ist, ist auch klar. Den goldenen Mittelweg zu finden ist aber gar nicht so leicht. Was ist ehrlich, was man machen will, und was tut man, weil man sich an Hilfsmitteln festklammert? Wenn man nicht mehr weiß was man tun soll, fällt man so leicht in "man soll doch" "man kann doch nicht" "es ist doch wichtig dass" zurück. Alles, was einem einen Hinweis darauf liefert, was richtig ist.
Man will es doch einfach nur richtig machen, und man weiß doch nur nicht wie.

Es ist immer die selbe Leier, ich weiß, aber: Kommunikation ist das, was hilft.
Jeder Mensch ist anders, und jeder weiß nur für sich selbst, was am besten ist.
Am meisten hab ich glaub ich immer dann richtig gemacht, wenn ich ehrlich war und gesagt habe, was ich dachte und fühlte. Immer noch.

Ich habe auch viel falsch gemacht. Tu ich vielleicht immer noch. Auch das gehört dazu.
Durch Fehler lernt man, und ich wage zu behaupten, das habe ich auch getan.

Was ich mittlerweile weiß, ist: Normal mit Karo umgehen, ist, echt ich zu sein. Zu fragen wenn ich fragen will, und zu vertrauen, wenn ich spüre dass ich etwas weiß. Zu sagen, was ich fühle.
Auf die meisten der Fragen, die ich oben gestellt habe, habe ich mittlerweile eine Antwort, oder wenigstens einen Hinweis darauf.
Viele der Fragen sind mittlerweile keine Fragen mehr, sondern Selbstverständlichkeiten.
Manche Fragen tauchen immer noch auf, und manche kommen neu dazu.
Egal mit wem ich mich in meinem Leben auseinandersetze, es werden immer ein paar Unsicherheiten dabei sein, wenn ich mich frage, was ich sagen oder fragen oder tun darf. Und, wie schon gesagt: Das ist auch in Ordnung, das ist normal.

Je unbekannter etwas ist, umso schwieriger ist es, damit umzugehen.
Für mich waren psychische Krankheiten unbekannt, zumindest, sie so nah zu erleben. Für mich war es schwierig, zu lernen, das alles zu verstehen.
Ich glaube ich verstehe es jetzt besser und ich glaube, ich mache jetzt öfter das richtige.

Und ich lerne gerne weiter. :)

~~~

Einträge, die dazu passen:

Samstag, 17. Januar 2015

Die Schnitte in deiner Haut.

Ein Thema, dass bei Borderlinern oft sehr ausgeprägt vorhanden ist - bei Karo zum Glück weniger stark, als man das als Bild im Kopf hat -, ist Selbstverletzendes Verhalten.
Menschen, die sich nicht ritzen, und auch noch nie persönlich mit dem Thema zu tun hatten, stehen oft ziemlich ratlos vor der Tatsache, dass sich jemand freiwillig seine Haut zerschneidet. Wir tun uns schwer, zu verstehen, warum das jemand tut, und es macht uns - so glaube ich - auch ziemliche Angst.
Ich habe, auch wenn Karo sich in der Zeit unserer Beziehung relativ selten geritzt hat, viel darüber gelernt, habe eine Einstellung entwickelt (und verändert) und ein Stück weit gelernt, damit umzugehen.

Am Anfang meiner "Reise" durch die Welt des SVV war ich mit Karo noch gar nicht zusammen, als wir schon darüber geschrieben haben, dass sie sich früher geritzt hat. Für mich war das ein ungutes Gefühl, aber mit dem Bewusstsein, dass das vorbei ist, und es auch nicht stark war, war das für mich nur ein weiteres Kapitel in der Geschichte ihrer Vergangenheit.

Eines Tages aber hat Karo sich doch wieder geritzt. Sie hat es mir erzählt - was mir immer sehr wichtig war und immer noch ist -, und für mich war das ein riesiger Schock. Zwar hatten wir, wenn ich mich richtig erinnere, vorher schon manchmal darüber geschrieben, dass sie den Drang dazu verspürt, aber dann der Gedanke, dass sie es nun getan hat - es ist schwierig zu beschreiben, was mir in diesem Moment im Kopf rum ging. Ich war zum einen dankbar, dass sie es mir nicht verheimlicht hat. Dann war ich geschockt und überfordert; wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Und dann war da dieses schwer einzuordnende Gefühl ... eine Angst, ein Unbehagen, eine Unvorstellbarkeit und ein Schmerz. Die Vorstellung, dass Karo, meine geliebte Karo, sich ihre Haut zerschnitten hatte, dass sie nicht eine Wunde heilen ließ - sondern sich eine zufügte! -, das war und ist schwer auszuhalten. Natürlich ist da das Bewusstsein, dass es einen Druck gibt, der sich aufbaut, und dass die Selbstverletzung einerseits Ausdruck eines Selbsthasses, und andererseits auch vor allem eine Erleichterung eines riesigen inneren Druckes bedeutet. Aber ich kann nach wie vor nicht richtig begreifen, was da vor sich geht, und nach wie vor treibt es mir einen Kloß in den Hals, wenn ich zu genau darüber nachdenke.

Nach diesem Erlebnis, als ich etwas distanzierter darauf blicken konnte, wusste ich vor allem nicht mehr, wie ich weiter vorgehen soll. Einerseits wollte ich Karo nicht bevormunden, die Selbstverletzung nicht verurteilen, ihr die Verantwortung für ihren Körper geben - und andererseits sprang bei mir eine Art Automatismus an, und ich wollte einfach verhindern, dass sie es wieder tat. Ich dachte, ich müsste jetzt tatsächlich nicht das tun, was sich richtig anfühlt (haha, das musste ich sowieso erst einmal heraus finden, was das denn sein sollte...), sondern das, was "pädagogisch" richtig war. Wenn ich das im Nachhinein jetzt aufschreibe, wird mir beinahe schlecht dabei. In einer Beziehung ist das so was von unangebracht, dem anderen zu sagen, was er machen soll - auch wenn man es noch so gern möchte. Ich kann Karo sagen, dass ich nicht glücklich damit bin, wenn sie sich verletzt. Aber ich habe nicht im Ansatz das Recht dazu, ihr Verhalten zu beeinflussen, sie zu "erziehen", oder ähnliches.
Eine Zeit lang habe ich diesbezüglich mit mir gekämpft, und auch mit einer befreundeten angehenden Therapeutin darüber gesprochen. Am Ende stand zum Glück die einzig sinnvolle Entscheidung, die man eigentlich gar nicht als solche bezeichnen kann: Karo trifft ihre eigenen Entscheidungen. Ich kann und darf nicht die Verantwortung dafür übernehmen, was sie tut.
(Das ist auch jetzt noch meine Sichtweise, allerdings mit einer Ergänzung: Karo ist, genauso wie ich, dagegen, dass sie sich verletzt. Sie tut es, wenn sie keine andere Alternative mehr sieht, ihre Gefühle in den Griff zu bekommen. Aber sie will genauso wie ich, dass sie sich nicht ritzen muss. Dieses Bewusstsein hatte ich nicht immer, aber es macht es mir möglich, dieses Verhalten nicht nur zu akzeptieren, sondern ihr zu vertrauen.)

Die restliche Zeit kam es hin und wieder, sehr selten, vor, dass Karo zur Klinge griff (die Vorfälle in eineinhalb Jahren kann man, glaube ich, an einer Hand abzählen). Erst in letzter Zeit ist der Druck auf Karo so groß, dass sie sich öfter selbst verletzt - beinahe regelmäßig. Trotzdem gilt weiterhin, dass ich ihr vertraue. Sie hat sich sogar so sehr dafür geschämt, dass sie sich zurzeit so oft ritzt, dass sie es mir einige Zeit nicht sagen konnte. Und das, obwohl ich zwar meistens geschockt war, sie aber nie verurteilt habe. Wenn Karo sich vor sich selbst so sehr dafür schämt, dann kann ich ihr auch nicht böse sein, dass sie mir trotz unserer Abmachung nicht gleich erzählt hat, was passiert. Im Gegenteil bin ich sogar beeindruckt, dass sie sich nach relativ langer Zeit immer noch getraut hat, mir zu sagen, dass sie mir etwas verheimlicht hatte - wofür sie sich auch noch schämt. Und ich weiß: Karo möchte das nicht. Sie bemüht sich nach Kräften, sich nicht ritzen zu müssen. Und mit allem, was zurzeit passiert, würde ich Karo als allerletzte dafür verurteilen, dass sie es nicht immer schafft. Sie schafft es vielleicht sogar noch öfter als sonst: Aber das Bedürfnis ist halt durch so enorme Belastung viel öfter da, deshalb unterdrückt sie es total oft, und relativ gesehen sind es immer noch nur wenige Male, wo sie es nicht schafft.
Normalerweise denke ich auf diese Art, mit einigem Abstand, an das SVV. Abstand, das bedeutet, ich stelle es mir nicht bildlich vor. Einerseits möchte ich das zwar tatsächlich machen, und habe so ein Gefühl, als würde es mir helfen zu verstehen, wenn ich es nur genau genug wissen würde. Andererseits weiß ich aber nicht, ob das tatsächlich stimmt - und ob ich überhaupt in der Lage bin, es richtig zu begreifen, oder ob ich nur mit dem Verstand nachvollziehen, akzeptieren und vertrauen kann. Das Bild, wie sich Karo schneidet, wie Schnitte ihre Haut durchziehen - das kann ich immer noch nicht wirklich akzeptieren. Es ist so abstrakt, so schwer vorzustellen, und so schmerzhaft. Ich könnte jeden köpfen, der ihr auch nur im Ansatz weh tut - aber stattdessen tut sie es selber, und sie kann ich nur lieben.
Und wenn ich über ihre zarte, glatte Haut streiche, und weiß, wie sich an der selben Stelle die dünnen, gerade verheilenden Schnitte anfühlen, spüre ich wieder diesen Kloß im Hals, möchte weinen, und Karo ganz fest an mich drücken, um all ihren Schmerz mit Liebe zu ersetzen.
Ich möchte nicht, dass sie sich schneidet. Aber ich möchte es deshalb nicht, weil ich nicht will, dass sie so traurig ist. Und deshalb ist ihr Schneiden nichts schlimmes. Aber ihr Schmerz, der ist für mich so schlimm, dass ich diesen Post weinend fertig schreibe und sie einfach nur drücken, drücken, immer weiter drücken will, bis ihr nichts und niemand mehr das Gefühl geben kann, sie sei nichts wert - am wenigstens sie selbst.

Und eine Vorstellung dafür, was für eine Arbeit es sein kann, sich nicht selbst zu verletzen, das gibt Karo in ihrem wirklich tollen Blogpost über Skills.
Ich bin wirklich stolz auf sie, wie sehr sie an sich arbeitet, und finde nicht, dass sie sich verurteilen muss, wenn sie es manchmal nicht schafft. So einen Kampf würden nicht viele täglich schaffen.